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Montag, 30. September 2019

Abiball

Die Festhalle lag etwas außerhalb, zwischen Vorstadthäusern und Waldrand, und man sah sofort, dass man sie genommen hatte, um Geld zu sparen und nicht auszugeben. Sie betonte durch ihre dunkelbraune quadratische Täfelung ihren Mehrzweckcharakter - Hand- und Basketballspiele, Jahreshauptversammlungen, Hochzeiten, Trauerfeiern, runde Geburtstage sowie Abibälle - und durch eine angebaute Gaststätte und großzügig angelegte Parkflächen ihren praktischen Vorteil. Rechtschaffen und ordentlich wirkte das Ganze, keineswegs aber locker und verspielt - irgendwie nach Feierarbeit.
Das Lehrpersonal hatte seinen eigenen Tisch, die Abiturientinnen, drei Viertel der Klasse, und Abiturienten, das verbleibende Viertel, saßen bei den Eltern, Geschwistern, Freundinnen und Freunden. So war das gewollt, und so wurde das mit Tischkärtchen gesteuert. Das Wichtigste natürlich der Dresscode: Auf der Einladung stand "festlich !!!" Zwei Abiturientinnen wagten es jedoch, in Edeljeans zu erscheinen statt in Ballkleidern, was zur Folge hatte, dass die Klassensprecherinnen ihnen untersagten, die Bühne zu betreten, wenn der Profifotograf das Klassenfoto schieße, man lasse sich schließlich nicht das Bild verunstalten. Die Verbannten gifteten zurück, Robespierre lasse grüßen, der habe auch alles eliminiert, was nicht ins reine Tugendbild passe, und alle vier rannten sichtlich erregt zum Deutschlehrer, um ihm kundzutun, was die Pflichtlektüre "Dantons Tod" im konkreten Leben angerichtet habe, und ihn aufzufordern, sich auf die jeweilige Seite zu schlagen.
Der stand nichts ahnend draußen und blinzelte in die Abendsonne, dachte wehmütig an seinen eigenen Abiball, der keiner war, sondern ein entspanntes Zusammensitzen in kleinem Kreis bei Bier und Brezeln unter einem Baum am Fuße der Achalm..., als die Amazonen ihn einkreisten. Nach einer kurzen Phase der Orientierung schleuderte er die Frage ins Rund, warum denn Danton und letztendlich auch Robespierre wirklich ihre perückendrapierten Häupter verloren hätten, und jagte die Antwort gleich hinterher: weil sie nicht kompromissfähig gewesen seien. Und was sei das Resultat eines wahren Kompromisses? Wenn beide Parteien gleich unzufrieden seien, da sie jeweils die gleich große Kröte zu schlucken hätten! Alles andere sei realitätsferne Romantik! Kein Widerspruch.
Einmal in Fahrt holte der Deutschlehrer gedanklich aus. Natürlich dürften Edeljeansträgerinnen aufs Abibild, aber die müssten ja nicht unbedingt optisch hervorstechen. Er werde mit dem Fotografen reden, ob der das hinbekomme. Abermals kein Widerspruch. Der Profiknipser war entzückt ob dieser Herausforderung und wusste sie bestens zu meistern: Seitenansicht bei den 18 Damen mit davor platzierten sechs Herren in der Hocke, sodass eine Edeljeans nicht einmal zu erahnen war.
Eine Woche später lag das Klassenporträt ausgedruckt auf dem Schreibtisch des Deutschlehrers, aber die Mathematiklehrerin meinte, dass vier Abiturientinnen eher eisig als fröhlich dreinblickten. Der Deutschlehrer schob das auf die Abirede des Schulleiters, jenen vergeblichen Versuch, mangelnde Tiefe durch überbordende Länge auszugleichen, der vor dem Fotoshooting zu ertragen gewesen sei.

(Aus: Helmut Essl, Chronik einer Männersause und 50 weitere Ratzfatzgeschichten von A bis Z, Hamburg 2019, S. 10-11)

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