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Mittwoch, 11. September 2019

Chronik einer Männersause

Das Gebräu schäumt, stürzt tosend die Kehle hinunter und wirft die Turbinenschaufeln an. Was für eine Nacht! Ein grinsender Mond steht über der Altstadt, als würde er sagen wollen: "Jungs, lasst die Drachen steigen!" Ganz tief drinnen erwacht ein kleiner Herkules, denn drei Barhocker weiter lockt das Weib. Eigentlich locken zwei, was passt, denn Mann ist auch zu zweit.
Witterung ist aufgenommen, das Programm startet: jagen - erlegen - reinbeißen! Zwei Hofhunde zerren am Strick, denn die Angetrauten machen das Wochenende auf Black Forest: "Zwischen Tann und Quell fühlst du dich well!" Die Gelegenheit ist also günstig, und wenn der Pegel bis zum Brustbein steht, muss das Wölfische raus. Das ist die Natur! Das Anschleichmanöver gelingt, die Rehe, jung und schön, verharren auf der Lichtung.
Von nun an bechert man zu viert. Die Damen nippen, die Herren kippen - auch die fünfzig Jährchen weg - und zahlen natürlich das Ganze. Dafür schwillt mächtig die Rute, Mann ist wieder dabei bei der großen Jagd. Irgendwann macht die Tankstelle dicht, und bevor die Grauwölfe einen neuen Jagdplan ersinnen, kommt der vielversprechende Vorschlag seitens der Damen, in privatem, selbstverständlich gepflegtem Rahmen ein finales Fläschchen zu köpfen. Sozusagen gleich um die Ecke, wenn's konveniere. Vor Freude jault die Wolfsseele.
Sanft gleitet der Aufzug ins offerierte Männerparadies, diese Nacht eine einzige Verheißung, erst ein letzter Schluck und dann wohl Ramba-Zamba?! Jein! Die Damen werden plötzlich formell und wechseln in den Business-Ton: "Bevor wir zur Sache kommen, hätten wir gerne das Finanzielle geregelt! Geschäftsprinzip! Wir empfehlen den Royal Touch! Da ist alles dabei einschließlich Jejubaöl-Massage - entspannend und erleichternd zugleich. Neunzig Minuten für 250 Euro! Ihr könnt auch mit EC-Karte bezahlen!"
Als Ikarus im Überschwang der Sonne nahekam, schmolz das Wachs, und er stürzte ab. "BEZAHLEN?! Seit wann bezahlt der Wolf die Rehkeule an der Supermarktkasse?" Die Damen kontern professionell: "Wenn ihr Appetit auf Junges und Schönes habt, müsst ihr bezahlen! In freier Wildbahn habt ihr keine Chance mehr: zu alt, zu hässlich und zu langsam! Also eiert nicht herum, sonst werden wir hysterisch!" Aus den Wölfen werden Hündchen, die coolen Rehen nicht gewachsen sind. Die Männchen verhandeln über Leerbettgebühren als das kleinere Übel. Auch hier erweist sich die Gegenseite als überaus kompetent.
Kurz vor Morgengrauen kollidieren zwei traurig schwankende Gestalten in der Altstadt mit Mülleimern, die mehr auf dem Gehweg als am Straßenrand abgestellt sind. Die Eimer gewinnen, da sie stehenbleiben, und der Mond versteckt sich erschrocken vor der aufgehenden Sonne.

(Aus: Helmut Essl, Chronik einer Männersause und 50 weitere Ratzfatzgeschichten von A bis Z, Hamburg 2019, S. 20-21)

(Loben oder tadeln erlaubt!)

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