Literaturblog  
 
 
Schreiben Sie Ihren eigenen Fortsetzungsroman/ Kurzgeschichten!
Autor werden!
Nutzen Sie Ihre Einträge, um eine breite Leserschaft zu gewinnen!
Home
Über uns
Bücherecke
Die Idee
Für Autoren
 
Donnerstag, 12. November 2015

Im Licht - Finsternis, Teil 17

  1. September 1893
    Nun werde ich den Mut haben, ihr meine ganze Geschichte zu erzählen. Sie wird es verstehen und wissen, dass niemand verantwortlich gemacht werden kann. Am allerwenigsten meine Mutter, die als erste ein Vampir wurde. Es war einfach so, dass ihr Herz gestorben war und wer hätte ihr dafür Vorwürfe machen können.
    Ich war auch einmal ein ganz normaler achtjähriger Junge, der die Nach-mittage damit verbrachte auf einem Pony Reitübungen zu vollbringen. Kein Hindernis war mir zu hoch, trotz allen Scheltens seitens meiner Mutter, die mir wiederholt damit drohte, das Tier wegzunehmen, wenn ich nicht aufhörte so waghalsig zu reiten. Wir wuchsen auf wie alle Kinder der Aristokratie – meine ältere Schwester, mein fünfjähriger Bruder und ich.
    Es war Nukas fünfter Geburtstag, als er das langersehnte eigene Pony bekam. In diesen Dingen war Vater immer nachgiebig und so durfte er unter den ängstlichen Augen meiner Mutter vor dem Haus reiten üben.
    Alva, verstehst du? Ich zog ihn an der Hand hinter mir her, aus dem Haus. Er hatte sich umgedreht und unserer Mutter mit lachendem Gesicht zuge-winkt, doch ich zog ihn mit mir fort. Ich wollte nicht, dass er alles vermasselt und unsere Mutter uns zurückhalten würde.
    Es war ein schöner, sonniger Sommertag, an dem die Falken hoch ihre Kreise drehten und mit ihren spitzen Schreien das Tal zum Erklingen brachten. Wir trieben unsere Ponys an, so schnell sie mit ihren kurzen Beinen laufen konnten. Alva, ich erinnere mich an das Gefühl der Freiheit und Aufregung. Ich meinte, mit meinen acht Jahren schon alles zu wissen und zu können. Ich wollte Abenteuer erleben. Mein kleiner Bruder folgte mir, stolzer Besitzer eines eigenen Reittiers, stolz heimlich auszureiten und zugleich ängstlich vor dem Ärger der Eltern, sollten sie herausfinden, dass wir uns vom Haus entfernt hatten. Und dennoch folgte er mir. Er vertraute mir.
    Wir schossen ein Feld entlang, sprangen über einen schmalen Bach und ritten schließlich langsamen Schrittes durch ein Waldstück.
    Ich erinnere mich noch an den würzigen Duft des Grases, als wir Rast machten und nebeneinander im Schatten eines alten Baumes lagen. Ich wünschte, irgendetwas wäre passiert. Irgendein Waldarbeiter auf seinem Fuhrwerk wäre vorbeigekommen, irgendetwas, das uns aufgehalten hätte. Doch alles blieb still und ruhig. Nur die Grillen zirpten und ein Schwarm frecher Spatzen machte das nahe gelegene Dickicht unsicher.
    „Komm, wir müssen wieder heim“, habe ich geseufzt und Nuka stieg ge-horsam auf sein Pony. Die ausgelassene Stimmung von zuvor war verflogen und wir ritten still nebeneinander. Nuka war müde, aber er wollte es sich nicht anmerken lassen. Wir waren in Sichtweite unseres Hauses, als ich rief: „Los, ein Wettrennen!“ und auf meinem Pony davon preschte. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass Nuka mir folgte. warum nur, warum nur, habe ich die Zügel losgelassen, die Arme ausgestreckt: „Ich fliege. Es ist wie fliegen!“
    Niemand hat mir jemals Vorwürfe gemacht. Letztlich weiß auch niemand, wie es genau geschehen ist. Vermutlich wollte Nuka es mir gleich tun – im vollen Galopp mit ausgebreiteten Armen.
    Für mich blieb nur das Entsetzten, als ich Nukas Aufschrei hinter mir hörte, sein Pony in wildem Galopp davon stürmend und dann der kleine Körper so merkwürdig verkrümmt auf dem Boden liegend; meine Mutter, die schreiend aus dem Haus gelaufen kam.
    „Bitte lieber Gott, mach das alles wieder gut“, hatte ich gebetet. „Bitte“, war es aus meinem Mund gekommen, halb Schrei, halb Schluchzen.
    Meinen kleinen Bruder hat es nicht wieder ins Leben zurückgeholt. Und meine Mutter hat am Ende die Trauer nicht mehr ausgehalten. Sie hat den einzigen Weg gewählt, um ihrem Leid zu entkommen – sie ist ein Vampir geworden.
    In der Zwischenzeit erinnere ich mich kaum noch an meinen kleinen Bruder, an sein blondes Haar und das feingeschnittene, fast mädchenhafte Gesicht. Wenn er Angst hatte, hat er immer seine Hand in die meinige gelegt und sehr ernst geschaut, vielleicht um nicht in Tränen auszubrechen. Und abends sind wir oft wach gelegen und haben geflüstert, bis meine Mutter erschien und uns streng ermahnte leise zu sein. Mein Bruder war dann meist sehr schnell eingeschlafen, während ich dem nächtlichen Heulen der Hofhunde auf den entlegenen Bauernhöfen zuhörte.
    Man sagte mir, er wäre immer fröhlich gewesen, mit einem lachenden Gesicht. Alva, kannst du das verstehen?
Sie sind nicht angemeldet
Home
Über uns
Bücherecke
Impressum
Datenschutz
FAQ
Nutzungsbedingungen
Kontakt
Sitemap