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Sonntag, 28. Juni 2015

Auf der Burg, Teil 11

Was hatten sie auch für eine andere Wahl, als weiterzugehen. Der Weg zurück war ihnen verschlossen durch die Wächter Darians und sich durch das Unterholz zu schlagen, war kaum eine Alternative, zumal man offensichtlich auf der Suche nach ihnen war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Wächter, die scheinbar überall ihre Spione hatten, sie finden würden und was wäre dann? Würden sie Katsumi einfangen? Laurin musste darauf setzen, dass er die anderen Drachen schnell genug befreien und fliehen konnte. Es war ein verzweifelter Plan und er fühlte sich seiner selbst überhaupt nicht sicher, dennoch ließ er sich nichts anmerken und ging festen Schrittes weiter. Der Weg war frei und sie würden ihren Vorsprung nützen müssen, wollten sie überhaupt eine Chance haben.
Es war später Nachmittag als sie schließlich das Ende des Waldes erreichten. Im Schatten der hohen Bäume machten sie Halt. Vor ihnen lagen die weiten felsigen Flächen der Burg Darians. Langsam nahm die Hitze des Tages ab und die Sonne ging an einem wolkenlosen Himmel in einem glühenden rot unter. Laurin holte tief Luft und dann saßen sie auf dem roten Drachen – Till mit seiner Steinschleuder bewaffnet – und tauchten in dem tiefen Abendrot unter. Trotz der Gefahr in der sie sich befanden, kam Laurin nicht umhin die Schönheit des Augenblicks zu bewundern: der flammende Himmel hinter ihnen, das majestätische Tier, das mit seinen weiten durchscheinenden Schwingen die Luft durchschnitt und sie – die beiden Freunde – reitend, inmitten der Farbenpracht. Doch der Augenblick war vorüber, vor ihnen ragte der graue Fels der mächtigen Burg auf. Schon hatte Katsumi mit einem einzigen Flügelschlag über die Mauern hinweggesetzt und war mitten im Burghof gelandet, wo Laurin und Till behände absprangen. Befremdliche Stille umgab sie. Erst jetzt bemerkte Laurin die vielen Statuen. Der ganze Hof war voll von versteinerten Drachen. Ein Drache hatte die Pranken und den langen Hals wild zum Angriff erhoben, ein anderer hatte offensichtlich zu fliehen versucht, als er mit ausgebreiteten Flügeln, zu Stein geworden war und dort – Laurin traten die Tränen in die Augen – beugte sich eine Mutter schützend über ihr Drachenjunges, das zusammengerollt am Boden lag, den Kopf voller Furcht unter dem langen Schwanz verbergend.
„Nein, bitte nicht“, flüsterte Laurin als könnte er allein durch seine Willenskraft die Tiere wieder zum Leben erwecken.
Ein spindeldürrer Mann, kaum größer als ein Kind trat durch das Tor des Palastes.
„Seid gegrüßt“, sprach er mit einer hohen Stimme, die von einem blechernen Beiklang durchsetzt war.
„Du bist also der Junge, der mir den letzten Drachen bringt“, sagte er zu Laurin gewandt. „Ich habe dich erwartet. Ohne deine Hilfe hätte ich ihn nicht so leicht bekommen.“
Diese hagere Gestalt, deren kahler Kopf von einem Kranz ungepflegter, grauer Haare geziert wurde, steckte in einem alten, dunklen Anzug, undefinierbarer Farbe, der gerade dieses Bisschen zu groß war, das zeigte, dass der Mann einstmals größer und stattlicher gewesen sein musste. Die rechte Hand war verkrüppelt, was dem gefährlichen Ausdruck, den er in sich barg, um ein Vielfaches verstärkte, so wie das kaputte Auge, erst den wahren, ruchlosen Piraten auszeichnet. Er hielt einen Zauberstab krampfhaft vor sich.
„Er hat Angst“, schoss es Laurin durch den Kopf. An der Gefährlichkeit der Situation änderte dies nichts. Laurin spürte, wie Katsumi sich neben ihm bewegte.
„Katsumi“, flüsterte er in einem bestimmenden Tonfall: Katsumi - Selbstbeherrschung!
Eine falsche Bewegung und Ritter Darian würde seinen Zauberstab anwenden und der letzte Drache wäre eine Steinfigur wie alle anderen. Laurin spürte das hasserfüllte Zittern, das Katsumis Körper durchfloss und er hielt die Leine noch etwas straffer.
„Halt du nur deinen Drachen zurück“, tönte die Fistelstimme des alten Mannes höhnisch. „Bald wird er sein, wie alle anderen.“
Langsam den Moment auskostend hob er seinen Zauberstab. „Euch werde ich verschonen als Dank, dass ihr mit den roten Drachen gebracht habt.“
„Aber warum das alles“, rief Laurin verzweifelt. Er musste Zeit schinden.
Laurin spürte, wie Tills Hand die seinige streifte, als versuchte er sich durch Laurins Anwesenheit Sicherheit zu verschaffen.
„Er vertraut mir“, schoss es Laurin durch den Kopf. War das nun das Abenteuer, wovon er immer geträumt hatte? Alles war ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte. Er fühlte sich überhaupt nicht heldenhaft, eher klein und verzagt und die Verantwortung war erdrückend. Doch Till und Katsumi zuliebe zeigte er nicht, welche Mutlosigkeit ihn ergriffen hatte.

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