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Montag, 21. Oktober 2019

HOMO SAPIENS im Winter

Ist die Nässe überfroren,
schlittern WEISSE und auch MOHREN.
(= Schwarze oder Farbige/ nur aus Reimgründen!)

Der Petrus will uns wohl verarschen,
er lässt den ganzen Schnee verharschen.

Allzu BLASSE, Ungebräunte gar,
denen geht`s zwar ebenso,
sie fallen vielfach hin jetzt -
oder „um ein Haar“, -
rutschen verlegen grinsend
und reiben sich eventuell den Po.

Wenn GELBE übers Glatteis hecheln,
vergessen glatt sie dann zu lächeln.

Bedeckt die weiße Pracht der Harsch,
dann fall`n auch ROTE auf den Arsch.

Montag, 30. September 2019

Abiball

Die Festhalle lag etwas außerhalb, zwischen Vorstadthäusern und Waldrand, und man sah sofort, dass man sie genommen hatte, um Geld zu sparen und nicht auszugeben. Sie betonte durch ihre dunkelbraune quadratische Täfelung ihren Mehrzweckcharakter - Hand- und Basketballspiele, Jahreshauptversammlungen, Hochzeiten, Trauerfeiern, runde Geburtstage sowie Abibälle - und durch eine angebaute Gaststätte und großzügig angelegte Parkflächen ihren praktischen Vorteil. Rechtschaffen und ordentlich wirkte das Ganze, keineswegs aber locker und verspielt - irgendwie nach Feierarbeit.
Das Lehrpersonal hatte seinen eigenen Tisch, die Abiturientinnen, drei Viertel der Klasse, und Abiturienten, das verbleibende Viertel, saßen bei den Eltern, Geschwistern, Freundinnen und Freunden. So war das gewollt, und so wurde das mit Tischkärtchen gesteuert. Das Wichtigste natürlich der Dresscode: Auf der Einladung stand "festlich !!!" Zwei Abiturientinnen wagten es jedoch, in Edeljeans zu erscheinen statt in Ballkleidern, was zur Folge hatte, dass die Klassensprecherinnen ihnen untersagten, die Bühne zu betreten, wenn der Profifotograf das Klassenfoto schieße, man lasse sich schließlich nicht das Bild verunstalten. Die Verbannten gifteten zurück, Robespierre lasse grüßen, der habe auch alles eliminiert, was nicht ins reine Tugendbild passe, und alle vier rannten sichtlich erregt zum Deutschlehrer, um ihm kundzutun, was die Pflichtlektüre "Dantons Tod" im konkreten Leben angerichtet habe, und ihn aufzufordern, sich auf die jeweilige Seite zu schlagen.
Der stand nichts ahnend draußen und blinzelte in die Abendsonne, dachte wehmütig an seinen eigenen Abiball, der keiner war, sondern ein entspanntes Zusammensitzen in kleinem Kreis bei Bier und Brezeln unter einem Baum am Fuße der Achalm..., als die Amazonen ihn einkreisten. Nach einer kurzen Phase der Orientierung schleuderte er die Frage ins Rund, warum denn Danton und letztendlich auch Robespierre wirklich ihre perückendrapierten Häupter verloren hätten, und jagte die Antwort gleich hinterher: weil sie nicht kompromissfähig gewesen seien. Und was sei das Resultat eines wahren Kompromisses? Wenn beide Parteien gleich unzufrieden seien, da sie jeweils die gleich große Kröte zu schlucken hätten! Alles andere sei realitätsferne Romantik! Kein Widerspruch.
Einmal in Fahrt holte der Deutschlehrer gedanklich aus. Natürlich dürften Edeljeansträgerinnen aufs Abibild, aber die müssten ja nicht unbedingt optisch hervorstechen. Er werde mit dem Fotografen reden, ob der das hinbekomme. Abermals kein Widerspruch. Der Profiknipser war entzückt ob dieser Herausforderung und wusste sie bestens zu meistern: Seitenansicht bei den 18 Damen mit davor platzierten sechs Herren in der Hocke, sodass eine Edeljeans nicht einmal zu erahnen war.
Eine Woche später lag das Klassenporträt ausgedruckt auf dem Schreibtisch des Deutschlehrers, aber die Mathematiklehrerin meinte, dass vier Abiturientinnen eher eisig als fröhlich dreinblickten. Der Deutschlehrer schob das auf die Abirede des Schulleiters, jenen vergeblichen Versuch, mangelnde Tiefe durch überbordende Länge auszugleichen, der vor dem Fotoshooting zu ertragen gewesen sei.

(Aus: Helmut Essl, Chronik einer Männersause und 50 weitere Ratzfatzgeschichten von A bis Z, Hamburg 2019, S. 10-11)

Lob oder Tadel erlaubt!

Mittwoch, 11. September 2019

Chronik einer Männersause

Das Gebräu schäumt, stürzt tosend die Kehle hinunter und wirft die Turbinenschaufeln an. Was für eine Nacht! Ein grinsender Mond steht über der Altstadt, als würde er sagen wollen: "Jungs, lasst die Drachen steigen!" Ganz tief drinnen erwacht ein kleiner Herkules, denn drei Barhocker weiter lockt das Weib. Eigentlich locken zwei, was passt, denn Mann ist auch zu zweit.
Witterung ist aufgenommen, das Programm startet: jagen - erlegen - reinbeißen! Zwei Hofhunde zerren am Strick, denn die Angetrauten machen das Wochenende auf Black Forest: "Zwischen Tann und Quell fühlst du dich well!" Die Gelegenheit ist also günstig, und wenn der Pegel bis zum Brustbein steht, muss das Wölfische raus. Das ist die Natur! Das Anschleichmanöver gelingt, die Rehe, jung und schön, verharren auf der Lichtung.
Von nun an bechert man zu viert. Die Damen nippen, die Herren kippen - auch die fünfzig Jährchen weg - und zahlen natürlich das Ganze. Dafür schwillt mächtig die Rute, Mann ist wieder dabei bei der großen Jagd. Irgendwann macht die Tankstelle dicht, und bevor die Grauwölfe einen neuen Jagdplan ersinnen, kommt der vielversprechende Vorschlag seitens der Damen, in privatem, selbstverständlich gepflegtem Rahmen ein finales Fläschchen zu köpfen. Sozusagen gleich um die Ecke, wenn's konveniere. Vor Freude jault die Wolfsseele.
Sanft gleitet der Aufzug ins offerierte Männerparadies, diese Nacht eine einzige Verheißung, erst ein letzter Schluck und dann wohl Ramba-Zamba?! Jein! Die Damen werden plötzlich formell und wechseln in den Business-Ton: "Bevor wir zur Sache kommen, hätten wir gerne das Finanzielle geregelt! Geschäftsprinzip! Wir empfehlen den Royal Touch! Da ist alles dabei einschließlich Jejubaöl-Massage - entspannend und erleichternd zugleich. Neunzig Minuten für 250 Euro! Ihr könnt auch mit EC-Karte bezahlen!"
Als Ikarus im Überschwang der Sonne nahekam, schmolz das Wachs, und er stürzte ab. "BEZAHLEN?! Seit wann bezahlt der Wolf die Rehkeule an der Supermarktkasse?" Die Damen kontern professionell: "Wenn ihr Appetit auf Junges und Schönes habt, müsst ihr bezahlen! In freier Wildbahn habt ihr keine Chance mehr: zu alt, zu hässlich und zu langsam! Also eiert nicht herum, sonst werden wir hysterisch!" Aus den Wölfen werden Hündchen, die coolen Rehen nicht gewachsen sind. Die Männchen verhandeln über Leerbettgebühren als das kleinere Übel. Auch hier erweist sich die Gegenseite als überaus kompetent.
Kurz vor Morgengrauen kollidieren zwei traurig schwankende Gestalten in der Altstadt mit Mülleimern, die mehr auf dem Gehweg als am Straßenrand abgestellt sind. Die Eimer gewinnen, da sie stehenbleiben, und der Mond versteckt sich erschrocken vor der aufgehenden Sonne.

(Aus: Helmut Essl, Chronik einer Männersause und 50 weitere Ratzfatzgeschichten von A bis Z, Hamburg 2019, S. 20-21)

(Loben oder tadeln erlaubt!)

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