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Donnerstag, 24. März 2016

Alewild Kapitel 7 - 9

7. Die Brandlegung

Als sie sahen, dass die Menschen das andere Ufer der Thulba erreicht hatten, brachen die Hundingar die Verfolgung ab und kehrten in ihr Lager zurück. Vuldulf erwartete sie bereits. Die Hände in die Hüften ge¬stemmt und die Ellenbogen weit abgespreizt stand er vor dem Eingang seines Hochzelts. Das zottelige Bärenfell, das bis zu seinen krallenförmigen Zehen herabhing, hatte er zurückgeworfen. Sein von unzähligen Narben verunstaltetes Gesicht war grob, die Ohren abstehend und lang die Zähne. Die knöchernen Wülste über den Augen, die flach nach hinten verlaufende Stirn und die breite Nase verliehen ihm etwas Hundeähnliches. Während Arme, Beine und Füße dicht behaart waren, spross auf dem vorspringenden Kinn nur spärlicher Bartwuchs. Dunkles, krauses Haupthaar bedeckte den klobigen Schädel. Er ließ sich berichten. Als er hörte, dass sie entkommen waren, zerriss er wütend die Kette mit den abgeschlagenen Fingern seiner Feinde, die er zur Zierde um den Hals trug. Dann stülpte er die Lippen nach vorn, bleckte die Zähne und schwor Rache. Zwei Menschen hatten es gewagt, in den Wald einzudringen, in seinen Wald. Sie hatten sich über die alte Abmachung hinweggesetzt, die die Thulba als Grenze festlegte. Allein diese Dreistigkeit forderte ihre Bestrafung. Dass er den Schwurstein umgestürzt und selbst die Thulba überschritten hatte, stand auf einem anderen Blatt. Die beiden waren rechtzeitig bemerkt und umzingelt worden, doch hatten sie den Ring durchbrechen und ihm das Beutepferd entreißen können. Seine gesamte Mannschaft war bloßgestellt worden. Schon einmal hatten die Menschen seinen Unwillen erregt. Wie verrückt waren sie am Ufer der Thulba hin und her gesprungen, hatten ihren Hintern entblößt und Schmähworte über den Fluss gebrüllt. Das konnte und wollte er sich nicht länger bieten lassen. Finsteren Sinnes blickte er über seine Männer. Dann reckte er die Faust in Richtung Thulbatal: "Das Pferd holen wir uns wieder und noch viel mehr."

Er legte den Kraftgürtel mit dem Wolfskopf und den blau funkelnden Steinen um, der ihm die Stärke von zwölf Männern verlieh, und band sich das Krummschwert auf den Rücken. Wie ein gereizter Stier brach er durch den Wald und hielt erst an der Thulba an. Hinter einer Weide kauerte er nieder und spähte zu dem Dorf. In einem der Häuser mussten die beiden stecken. Er kannte jeden der Höfe. Lange genug hatte er die Menschen beobachtet. Athal, der oberste Heerführer der Hundingar, hatte ihm den Auftrag erteilt, sie auszuspähen, aber verboten, sich sehen zu lassen. Vuldulf verzog den Mund zu einem verächtlichen Grinsen. Dumm und unwissend wie sie waren glaubten sie, der Wald sei unbewohnt und stecke voller Geister. Das kam seinem Auftrag entgegen und zügelte ihre Neugier.
Bereits seit dem Beginn des Sommers lagerte er mit seinen Leuten im Thulbatal. Die lange Untätigkeit hatte Unzufriedenheit hervorgerufen. Es gab Streit, und unwillig folgten die Männer seinen Anweisungen. Die zum Greifen nahe Beute reizte täglich. Deshalb hatte er ihnen frisches Fleisch gegönnt und es aussehen lassen, als hätten wilde Tiere das Pferd geschlagen. Aber jetzt hatte sich alles geändert. Sie hatten ihn aufgespürt und zum Gespött gemacht, ihn, den zwölfmännerstarken Vuldulf. Das sollte das ganze Dorf büßen. Athals Befehl band ihn nicht mehr, denn sein Lager war entdeckt worden. Er würde dafür sorgen, dass keine Zeugen am Leben blieben.

Endel lag im Frieden der untergehenden Sonne. Ein milder Wind strich das Tal herauf und brachte den Duft gemähten Grases mit. Die Menschen beendeten wie gewohnt ihren arbeitsreichen Tag. Kühe wurden gemolken, Enten und Hühner gefüttert. Munter pfeifend zog ein Hütejunge mit einer Sauenherde über den Dorfplatz, die er tagsüber in die Bergwälder zur Eichelmast getrieben hatte. Vuldulf hatte Durcheinander und Angst erwartet. Die beiden mussten von seiner Anwesenheit berichtet und die Bauern gewarnt haben. Aber weder rüsteten sie zur Verteidigung noch trafen sie Anstalten zur Flucht. Vielleicht hockten sie starr vor Furcht in ihren verräucherten Stuben? Oder war die Ruhe trügerisch und sie planten einen Hinterhalt? Aber die Raben, seine scharfäugigen Beobachter, hatten ihm nichts dergleichen gemeldet.

Bei der Vorstellung an den bevorstehenden Überfall zogen sich seine Mundwinkel zusammen. Endlich konnten sie Beute schlagen und was sie sich jetzt nahmen, brauchten sie später nicht zu teilen. Die Rabenvögel wetzten schon ungeduldig die Schnäbel, und im Unterholz lauerten die hungrigen Wölfe. Die Rothaarige beanspruchte er für sich. Er hatte sie beobachtet, wie sie den Blumenkranz aus dem Wasser geholt hatte. Keine Armeslänge entfernt hatte sie sich mit hochgehobenem Rock gebückt. Speichel tropfte aus seinem Maul, als er sich ausmalte, wie er es mit ihr treiben würde. Endlich war die Zeit des Wartens vorbei. Seinen Männern würde der Kampf gut tun. Der helle Klang der Schwerter brachte wieder Schwung in das Unternehmen. Von den Menschen erwartete er wenig Gegenwehr. Sie waren ahnungslos und im Kriegshandwerk nicht geübt. Er grunzte verächtlich. Nur einmal war er beunruhigt gewesen. Die Reiter, die während des Erntefests im Tal erschienen waren, hatten einen kampferprobteren Eindruck hinterlassen. Er fürchtete sie zwar nicht, aber es war nicht ratsam, sich bereits jetzt mit ihnen anzulegen.

Seine Gedanken wurden von Cezza, seinem fähigsten Unterführer, unterbrochen. "Jetzt sind alle im Dorf. Der letzte Bauer kehrte soeben vom Feld zurück."
Vuldulf nickte. "Keiner darf entkommen! Den Rotschopf will ich lebend", knurrte er. "Vermeidet jedes Geräusch und geht gegen den Wind, damit euch die Hunde nicht wittern."
Als das Tal im Dunkeln lag, überquerten die Hundingar geräuschlos den Fluss, erstiegen den Hügel und umzingelten das Dorf.
"Je zehn zu einem Hof!", befahl Vuldulf.
Zu spät schlugen die Hunde an. Sie wurden als erste von den Pfeilen durchbohrt. Nichtsahnend kamen die Bauern aus den Häusern. Weder wussten sie, wer sie angriff, noch warum sie überfallen wurden. Zeit zur Verteidigung blieb ihnen nicht. Sie sahen nur Schatten und in der Dunkelheit aufblitzende Schwerter. Ohne Gnade wurden sie niedergehauen. Das ganze Dorf war umstellt. Ein Entkommen gab es nicht. Grunzend stürmten die feindlichen Krieger in die Häuser und rissen den verzweifelten Müttern die Kinder aus den Armen. Die Schreie der Frauen und das Wimmern der Kleinen gingen in ihrem wilden Geheul unter. Das Gemetzel, das folgte, war fürchterlich.

Als der Berghof gestürmt wurde, standen Gorm und seine Leute bereit. Sie hatten das Stalltor verriegelt und warteten am vorderen Eingang. Mit einem wuchtigen Axthieb zerschmetterte der Pferdegorm den Schädel des ersten Eindringlings. Seine Söhne und die Knechte hieben mit Sensen und Dreschflegeln drein. Die Hundingar konnten ihre Überzahl nicht ausnutzen. Vor der Tür häuften sich die Toten.
Cezza erkannte mit einem Blick die ungünstige Lage. "Legt Feuer und bewacht die Ausgänge!", befahl er. In den Flammen verbrannten Gorm und seine Männer. Zufrieden mit dem Überfall gab Vuldulf das Dorf zur Plünderung frei. Danach ließ er es niederbrennen.

Schon von weitem bemerkte Lynn den hellen Schein. Feuer, Flammen, Rauch und krachende Balken - Endel war ein einziges Flammenmeer. Funken stoben auf und Flammenzungen schossen zischend in den Nachthimmel. Wie ein wilder, alles zerstörender Sturm raste der Brand durch das Dorf und fuhr fauchend in die Häuser. Ihre Strohdächer wurden erfasst und wie feurige Drachen durch die Luft gewirbelt. An der Thulba wimmelten dunkle Gestalten. In dem zuckenden Lichtschein konnte sie erkennen, wie sie das Vieh durch das Wasser trieben. Mit kehligen Schreien, die kaum menschlichen Lauten glichen, verständigten sie sich. Raben flatterten über ihren Köpfen. Auch meinte sie Wölfe zu sehen. Dann verdeckte dichter Rauch die Sicht. Sie schlug die Hände vor das Gesicht. Wo waren die Bewohner Endels, wo Alewilds Vater und ihre Brüder? Mit schmerzenden Augen sah sie sich um. Ein aufflammendes Licht lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den Berghof. Der gewaltige Firstbalken glühte ein letztes Mal auf, dann brach er donnernd zusammen.

Von Lynn unbemerkt hatte Cezza eine Schar Krieger talaufwärts geführt. Sie hatten Befehl, nach der Rot¬haarigen und ihrem Begleiter zu suchen. Im letzten Augenblick erkannte Lynn die Gefahr, kletterte den Hang hinter sich hinauf und verbarg sich in einem Gebüsch. Schon näherten sich die Schritte der Hundingar. Ganz in ihrer Nähe gebot Cezza Halt.
"Mir ist", meinte er, "als ob ich hier jemand gesehen hätte. Den Rotschopf und den Bauerntölpel haben wir noch nicht gefasst. Durchforscht jeden Winkel! Kehrt das Unterste zuoberst und findet sie!"
Während sich die Krieger in alle Richtungen verteilten, blieb Cezza mit zwei Hundingar zurück.
"An diesem Ort ist es gut sein", meinte einer von ihnen.
"Auch mir ist er angenehm", stimmte Cezza ihm zu. "Ich werde mich näher umsehen."
Lynn erschrak. Sie kroch jedes Geräusch vermeidend zurück, stieß gegen einen Felsen, fand eine Öffnung und zwängte sich hindurch. Abgestandene Luft und Dunkelheit umfingen sie. Es roch nach Fäulnis und Moder. Sie presste sich dicht an den kahlen Stein. Eine Zeitlang hörte sie nur das Pochen ihres Herzens, dann vernahm sie sonderbare Laute. Sie kamen aus großer Tiefe und besaßen wenig Ähnlichkeit mit menschlichen Stimmen. Sie hielt den Atem an und wagte nicht, sich zu rühren. Ein kühler Hauch strich über sie hinweg und ließ sie frösteln. Mit der Zeit konnte sie einzelne Worte vernehmen, hohl und in der Stärke schwankend. "Garm, Garm …, Mächtiger Fürst ..., Diener warten …, Befreie …." Die Rufe klangen drängend und endeten in einem grausigen Gelächter. Ihr wurde heiß und kalt. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Etwas, das von ganz tief unten aus der Dunkelheit kam und zu dem Leben auf der Erde völlig gegensätzlich war, drängte ans Licht. Sie ahnte, wo sie sich befand: In der Höhle des Wolfsschlunds. Sie drückte das Beinlein, dass die Finger schmerzten. Die Angst schnürte ihr die Kehle zu. Sie fürchtete, ersticken zu müssen. Erst nach und nach verebbten die Geräusche. Eine lang währende Stille folgte. Als sie sich endlich traute, die Höhle zu verlassen, war es späte Nacht geworden. Sie hastete zum Tannenmoor zurück und war erleichtert, Unn, Alewild und Garulf wohlauf zu finden.

"Was ist geschehen?", wurde sie gleich beim Eintreten gefragt. "Der Himmel über dem Tal leuchtete rot."
Lynn lehnte zitternd und nach Atem ringend an der Wand. Ihre großen, dunklen Augen schauten gehetzt von einem zum anderen. "Endel brennt! Krieger sind im Tal und schaffen Beute über den Fluss!", brachte sie mit Mühe hervor.
"Ich ahnte es", murmelte Unn. "Wie sahen sie aus?"
"Dunkelhäutig, missgestaltet und von Kopf bis zu den Krallenfüßen wie Tiere behaart. Ihr Haar ist nicht hell wie das unsere, sondern dunkel und kraus, und nicht aufrecht, sondern gebückt ist ihr Gang. In Tierfelle gehüllt rennen sie auf krummen Beinen durch die Nacht. Die Arme hängen so tief herab, dass sie fast den Boden berühren. Als sie dicht vor mir standen, konnte ich die hässlichen Narben in ihren Gesichtern erkennen. Ihr Geruch ist unerträglich und ihr Anblick so widerwärtig, dass man ihnen nicht in die Augen schauen kann."
Alewild stieß einen leisen Schrei aus: "So ähnlich sahen die im Dunkelwald aus."
"Es hört sich eher nach Fabelwesen an, entsprungen der Einbildung verängstigter Mädchen", tat Garulf die Beschreibung ab.
Lynn sah ihn empört an: "Wenn du ihnen so nah gewesen wärest wie ich, würdest du nicht so reden."
Plötzlich sprang Alewild auf und rüttelte Lynn heftig an den Schultern. "Mein Vater? Meine Brüder? Wo sind sie? Leben sie noch?"
"Ich sah nur brennende Häuser und dichten Rauch."
"Der Berghof?"
"Ein Haufen Asche."
Alewild sackte in sich zusammen. Sie waren in dem verbotenen Wald gewesen und hatten seine Bewohner aufgeschreckt. Die Krieger waren ihnen gefolgt, hatten das Dorf überfallen und die Einwohner getötet. Sie verkroch sich in die entlegenste Ecke der Stube. Unn schickte ihr Garulf hinterher. Dann bedeutete sie Lynn, sich zu ihr ans Feuer zu setzen und fragte: "War das alles oder hast du mir noch mehr zu sagen?"
Lynns Antwort kam zögernd: "Sie kamen das Tal herauf. Plötzlich waren sie überall. Ich wusste nicht mehr ein noch aus und verbarg mich in einer Höhle."
"Weiter!", drängte Unn. Ihre Stimme klang auf einmal heiser.
"Aus dem Berginneren vernahm ich Stimmen."
Unn hob erschrocken die Hände: "Der Wolfsschlund!" Mit einem Schlag wich alles Blut aus ihrem Gesicht. Allein der Gedanke an diesen Ort ließ sie erschauern. Ein einziges Mal war sie dort gewesen. Sie erinnerte sich noch genau an den modrigen Geruch und die Zeichnung an dem Eingang. Sie zeigte einen riesenhaften Hund, der in einer Höhle vor einer dunklen Pforte kauerte. Er war mit einer fest um den Hals geschlungenen Kette an das Torgitter gebunden. Mit aller Gewalt zerrte er an seiner ehernen Fessel. Von der Brust tropfte Blut. Der Rachen war weit aufgerissen und in den Augenhöhlen saßen rotglühende Augen, von denen er vier besaß. Das Bild wirkte so lebendig, dass sie fürchtete, er könnte sich jederzeit losreißen und auf sie stürzen. Um die Zeichnung war eine Reihe von unbekannten Runen in den Stein geschlagen worden. Umrahmt wurde das Bild von einem Band ineinander greifender Adler- und Raubtierköpfe. Sie hatte das Ganze nicht verstanden, aber der Schreck, den ihr der blutbefleckte, vieräugige Unhold eingejagt hatte, war so gewaltig gewesen, dass sie sich nie wieder in die Nähe des Wolfsschlundes getraut hatte.
"Was ist dir?", fragte Lynn besorgt. Auch Alewild war aufmerksam geworden und zum Feuer zurückgekehrt.
Die Alte wiederholte fassungslos: "Du hörtest Stimmen?"
Lynn nickte. "Sie nannten einen Namen. Garm oder so ähnlich haben sie gerufen."
Die unerklärliche Furcht, die Unn bei der Erwähnung des Wolfsschlunds erfasst hatte, verstärkte sich. Vor ihren Augen erschienen beängstigende, grauenvolle Bilder.
"Unn! Unn, was hast du?"
Die Alte schaute sich benommen um. "Der Unhold!", stöhnte sie.
"Von wem sprichst du?"
Mit bebender Stimme beschrieb die Alte die Zeichnung an der Felswand.
"Wie sieht er aus?"
"So groß, wie du ihn dir vorstellst."
"Riesig?", flüsterte Lynn.
"Je mehr Angst du hast, desto gewaltiger ist er."
Die Mädchen starrten angsterfüllt in das Feuer, dessen Flammen mit einem Mal verzehrend aufglühten.
Alewild kam die Schattengestalt in den Sinn und sie wiederholte, was sie von den Waldbauern Hlod und Berir gehört hatte.
Unn seufzte: "Das Unheil wirft seine Schatten weit voraus."
"Es reicht", empörte sich Garulf. "Sogar den Worten von Trunkenbolden schenkt ihr Glauben. Sie selbst erklärten den Überfall mit Baumgeistern und Waldtrollen. Genauso gut könnten es die Wölfe aus dem nahen Wald gewesen sein. In Wirklichkeit hatten sie sich alles ausgedacht." Zwar musste er sich inzwischen eingestehen, dass er im Dunkelwald weder Geistern noch Gespenstern, sondern Lebewesen aus Fleisch und Blut begegnet war, aber die Erzählung von einer Schattengestalt und einem riesenhaften Hund klang zu wunderlich.
"Dein sturer Bauernschädel begreift nichts", schimpfte die Alte. Sie glaubte nicht, dass die Gefahr mit dem Überfall auf Endel vorüber war. Etwas viel Schlimmeres braute sich zusammen. Es kam aus dem Dunkelwald und musste in einer Beziehung zu dem Wolfsschlund stehen. Aber solange sie keine Gewissheit besaß, wollte sie niemand beunruhigen. "Die Worte Lynn, die du im Wolfsschlund hörtest, besagen nichts", beschwichtigte sie deshalb das Mädchen. "Er ist ein mit düsterem Zauber verwobener Ort, an dem man Dinge zu hören meint, die es nicht gibt."
Garulf grunzte zufrieden.
"Ist die Schattengestalt ebenfalls eine Einbildung?", wollte Alewild wissen.
"Ich weiß es nicht. Vergesst, was ich euch erzählt habe", gab die Alte schroff zur Antwort.
Unwillkürlich ergriff Alewild Unns hagere Hand. "Nichts Gutes steht uns bevor?"
Unmerklich nickte diese. Große Not sah sie auf die Menschen zukommen.
Auch Lynn wandte sich an die alte Frau: "Werden sie wieder kommen?"
"Sorge dich nicht. Sie haben genügend Beute und werden eine Zeitlang damit beschäftigt sein."
"Ich verstehe das alles nicht", erwiderte Lynn keineswegs beruhigt. "Bis zu dem Auftauchen der Raben war es friedlich im Tal. Auf einmal wird der Dunkelwald lebendig und grausame Krieger brennen das Dorf nieder."
"Vergiss die Wölfe nicht", erinnerte Alewild und fügte leise hinzu, "und auch nicht die Schattengestalt."

8. Der Gürtel

Nach einer Nacht, in der sie kaum Schlaf gefunden hatte, wachte Unn auf. Die Glieder schmerzten und der Kopf dröhnte. Sie häufte Torfsoden übereinander und blies das Feuer an. Während die Kälte langsam aus den Knochen wich, stierte sie mit übernächtigten Augen in die Glut. Der Alb war trotz der bereitgestellten Gaben erschienen und hatte sie ärger als zuvor gedrückt. Viel Zeit, wusste sie, blieb ihr nicht. Den Kopf in beide Hände und die Ellenbogen auf die Knie gestützt dachte sie nach.
Der Überfall der Schattengestalt war für sie genauso unbegreiflich wie die fremden Reiter und ihre Botschaft. Die in Mengen auftauchenden Wölfe und die Raben aus dem Dunkelwald, ihr Sitz auf dem toten Baum und ihr Flug zum Wolfsschlund verstärkten ihre Befürchtungen. Würden die Krieger aus dem Wald wiederkommen? Welche Rolle spielte die Schattengestalt? Ich weiß zu wenig, dachte sie, da ist nur diese Angst, diese furchtbare Angst, die einen keinen klaren Gedanken fassen lässt.
Woher kamen die Reiter und wer hatte sie geschickt? Was war der Inhalt der Botschaft und für wen war sie bestimmt? Was bedeuteten die Rufe im Wolfsschlund? Wer war in dem Fels eingeschlossen und wer war Garm? Fragen über Fragen, auf die sie keine Antwort wusste. Sie hatte gehört, dass es in der Natur Türen ins Jenseits gab. Seen, Sümpfe und vor allem Höhlen galten als solche Zugänge. Einige führten tief unter die Erde in eine Welt voller Kälte und Finsternis. Ein schreckliches Leben nach dem Tod sollte es dort geben. In düsteren, hochgewölbten Hallen und Sälen drängten sich Unholde und bösartige Ungeheuer und rüttelten unentwegt an den verschlossenen Türen. Wehe wenn sie aufbrachen und die Bewohner der Unterwelt frei kämen.
Sie brauchte Klarheit, und die Einzige, die ihr die geben konnte, war die Seherin. Groa war eine vielkundige Frau, eine Völva, und wusste für vieles die Gründe und auch Rat. Sie kannte alte Gesänge, die dem Schutz und Heil der Menschen dienten. Aus geworfenen Runen und dem Todeskampf geopferter Tiere, dem Zucken ihrer Eingeweide sowie dem Flug und Gesang der Vögel konnte sie in die Zukunft schauen, weil sie das Wissen hierzu besaß. Aber ihre Hütte stand fern in den Glizzanbergen, und Unn wusste nicht, ob sie die Kraft zu dieser weiten Reise besaß. Sie sah sich suchend um. Ihr Blick fiel auf den Silberhammer. Sie nahm ihn in die Hand, lehnte ihn in nördlicher Richtung an die Wand und kniete davor nieder. Dann senkte sie den Kopf und begann zu beten. Thor rief sie an, dass er ihr Kraft verleihe und sie auf der Fahrt beschütze. Er solle sie vor Hunger und Krankheit bewahren und verhindern, dass sie sich verirre und von wilden Tieren angefallen werde.
Nach dem Gebet trat sie vor die Tür. Draußen herrschte eine gespenstische Stille. Schwerer Nebel lag über dem Moor. Nur hier und da schimmerten die dunklen Umrisse einiger Baumstümpfe durch das Grau. Sie nahm eine Handvoll Wacholderzweige und steckte sie in Brand. Wegen des schlanken, menschenähnlichen Wuchses galt der Strauch als Sitz Seelen Verstorbener und dem Totenreich angehörig, aber sie glaubte, dass sein stark duftender Rauch die Geister fernhielt.

Zurück in der Stube sah sie nach den Mädchen. Alewild bot einen bedauernswerten Anblick. Ihre sonst so lichten Augen waren vom Weinen gerötet. Sie nahm sie am Arm, zog sie an das wärmende Feuer und sagte: "Mit Tränen erreichst du nichts."
Alewild bewegte die Lippen, brachte aber kein Wort heraus.
"Du kannst deine Tat nicht ungeschehen machen."
Alewild sah auf. "Hätte ich nie diesen Wald betreten!"
"Unbesonnen hast du gehandelt. Die Grenze besteht nicht ohne Grund."
"Wenn ich gewusst hätte ...."
"Ich hatte dich vor dem Wald gewarnt. Getrieben von einem unseligen Tatendrang hast du dich über das Gesetz hinweggesetzt und die Folgen haben sich eingestellt. Es musste wohl so kommen."
Alewild hob erstaunt den Blick.
Die Alte betrachtete sie nachdenklich. Erst nach einer Weile begann sie zögernd zu sprechen und erzählte ihr, was sich bei ihrer Geburt zugetragen hatte.
Die Worte trafen Alewild wie ein Schlag. "Große Not bereitet mir diese Vorhersage", stöhnte sie. "Ist es mein Los, den Menschen Leid zuzufügen?"
Unn legte den Arm beruhigend um ihre Schulter. "Bei der Geburt wird die Art des Menschen festgelegt", sagte sie. "Jeder ist mit bestimmten Eigenschaften ausgestattet. Dem einen wird ein sanftes, ruhiges, dem anderen ein eher hitziges oder trotziges Wesen verliehen, dem einen Tatkraft, Mut oder Tapferkeit, anderen mehr Freigebigkeit oder Güte. Was man daraus macht, bleibt jedem selbst überlassen. Darin ist der Mensch trotz des Waltens der Götter frei. Deswegen trägt er auch die Verantwortung für seine Handlungen. Lehne dich nicht gegen das Schicksal auf, sondern nimm es an und lebe mit ihm."
"Die vielen Toten in Endel! Sie werden mir keine Ruhe lassen und mich Tag und Nacht verfolgen."
"Noch wissen wir nicht, was aus den Dorfbewohnern geworden ist."
"Ich habe Angst, erneut das Falsche zu tun. Unheil haftet an meinen Händen."
"Was geschehen ist, ist geschehen."
Schweigend starrten sie ins Feuer. Jeder hing seinen Gedanken nach. Nur von Alewild ertönte hin und wieder ein leises Schluchzen.
"Sie werden nicht aufhören, nach euch zu suchen", nahm Unn das Gespräch wieder auf.
"Du meinst die aus dem Dunkelwald?"
Unn nickte. "Auf Dauer seid ihr im Thulbatal nicht sicher."
Alewild konnte einen Angstschrei nicht unterdrücken. Auf der Schlafstätte regte sich Lynn. Unter der Decke erschien ein schlafmüdes Gesicht. "Ihr seid schon auf?"
Unn winkte sie ans Feuer.
"Es ist noch Nacht", gähnte diese und streckte sich.
"Wir haben Wichtiges zu besprechen."
Lynn glättete ihr Haar mit den Fingern und setzte sich mit der Decke über den Schultern zu ihnen.
"Unn meint, sie werden wiederkommen", sagte Alewild.
"Den Weg durch das Tannenmoor finden sie nicht."
"Vergiss nicht ihre Augen, die Raben!"
"Wir können uns in den Hornbergen verstecken."
"Nur jenseits Gebirges seid ihr in Sicherheit. Aber ihr werdet ohne mich gehen müssen", meinte Unn und eröffnete ihnen ihren Plan. "Groa kennt die Alten Lieder und kann sagen, was ist und was sein wird und was es mit den Vorzeichen auf sich hat."
Im Hintergrund brummte Garulf: "Schon wieder der gleiche Unsinn wie gestern. Ihr redet das Unheil herbei. Erst hieß es, die Finsterlinge hätten sich in den Wald zurückgezogen, dann, sie kehren zurück. Ihr wisst selbst nicht, was ihr sprecht."
"Sie haben nicht gefunden, wonach sie suchten."
Unns Worten folgte ein beklemmendes Schweigen. Es war Alewild, die es zuerst brach. "Du erwähntest alte Lieder. Wie können sie uns helfen?"
"Alt sind sie, sehr alt sogar, und niemand weiß, wer sie zuerst gesungen hat", antwortete Unn. "Sie stellen einen kostbaren Schatz an Weisheiten und Lehren dar und besitzen für viele Erscheinungen eine Erklärung. Auch enthalten sie Rätsel. Weise werden die genannt, die sie lösen können."
"Darin sind wir geübt", sagte Alewild nicht ohne Stolz. "An vielen Abenden haben wir uns zum Zeitvertreib mit dem Rätselraten beschäftigt und viel Spaß dabei gehabt."
"Unsere Vorfahren trugen die Lieder bei Versammlungen und Gottesdiensten vor", fuhr Unn fort, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen. "Sie sind in Form von stabreimenden Gesängen gefasst, damit sie wuchtiger und überzeugender klingen. Gottesfürchtige Frauen achteten darauf, dass sie wortgetreu und feierlich wie¬dergegeben wurden. Aber sie werden schon lange nicht mehr gesungen. Hilfreich wären sie, denn sie schützen vor Feinden und geben die Kraft zu kämpfen." Seufzend fügte sie hinzu: "Und manchmal auch zu siegen."
Aufmerksam hörten die Mädchen zu und prägten sich jedes Wort ein.
Als Lynn später anbot, Unn auf dem Weg zu Groa zu begleiten, lehnte diese ab. "Schlag dir das aus dem Kopf. Die Reise führt durch Gegenden, in denen jeder Stein darauf wartet, dem Wanderer den Fuß zu verletzen, und jeder Strauch, ihm Wunden zu reißen. In den Bergen lauern Wölfe, Bären und andere wilde Tiere. Auf der Erde werde ich schlafen und mich von Beeren, Pilzen und Wurzeln ernähren."
"Dein Körper ist alt und schwach sind deine Beine. Sie können dich kaum noch tragen."
"In meinen Knochen steckt mehr, als du denkst. Thors Hammer wird mir Kraft verleihen."
"Deine Augen sind trüb geworden."
"Wenn jemand geht, werde ich es sein und ich gehe allein!"
"Ich weiche nicht von deiner Seite", bestand Lynn auf der Begleitung.
Unn hatte gehofft, dass Lynn sich so entscheiden würde.

Damit die Reise erfolgreich verliefe und ihnen nichts geschehe, durfte diese nur an einem ganz bestimmten Wochentag beginnen. Hierfür erschien Unn der kommende Freitag, der der Göttin Freya geheiligte Tag, günstig, zumal der Mond auf Zunehmend stand. Zur weiteren Vorbereitung badeten die Frauen im Freien, beräucherten sich, umschritten feierlich einen flammenden Holzstoß und legten frisch gewaschene Kleider an. An dem festgesetzten Tag überzeugte sich Unn, dass der Silberhammer in ihrer Gürteltasche gut verstaut war, und griff nach Stock und Umhängetasche. Um Schluss hängte sie sich das Lederband mit den in Eisen gefassten Luchsklauen um den Hals, das sie vor Krämpfen bewahren sollte. Garulf, der nichts von derartigen Dingen hielt, bewaffnete sich mit einem kräftigen Holzknüppel. Als sie aufbrachen, strich Alewild ihrem Rappschimmel zärtlich über die Stirn: "Du musst mit uns gehen, ob du gesund bist oder nicht." Das Tier wieherte leise. Dann legte es den Kopf auf ihre Schulter und berührte mit den Lippen sanft ihren Hals. "Ich weiß, du schaffst es", freute Alewild sich.
Bei dem alten Ahorn blieb Unn stehen. Nachdem sie ihn von allen Seiten gründlich beschaut hatte, sprach sie: "Entweiht haben sie die heilige Stätte und sich ohne Scheu in seinem Geäst niedergelassen. Sie wissen, dass dieser Ort sie nicht mehr aufhalten kann."
Besorgt blickte sich Lynn um, sah aber keinen einzigen Raben. Nur einige Wasservögel tummelten sich auf dem Moorsee. Froh rief sie: "Schaut die Vögel. Sie spielen auf dem Wasser, tauchen sich unter und baden. Damit sagen sie schlechtes Wetter an." Nach einem forschenden Blick zum Himmel nickte Unn und mahnte zur Eile. Nicht weit vor dem Dorf hielt sie ein zweites Mal an und deutete mit ihrem dürren Finger auf die Hornberge. "Lynn und ich gehen auf dem Höhenweg nordwärts, ihr nach Endel. Sucht nach den Überlebenden und findet die Bauern. Aber haltet euch nicht zu lange auf, sonst werdet ihr das Thulbatal nicht lebend verlassen."
Nach diesen Worten winkte sie ihnen zu und war mit Lynn bald in dem nahen Bergwald verschwunden. Alewild und Garulf wandten sich dem Dorf zu. Aber kurz vor dem Berghof blieb Alewild stehen. Die Vorstellung, in den verkohlten Trümmern die Leichen ihres Vaters und ihrer Brüder zu finden, ließ sie stocken. Garulf musste vorgehen und erst als er ihr winkte, war sie bereit zu folgen. Das Hofgebäude und die Scheune waren bis auf den Grund niedergebrannt. Einzig die freistehende Birke, Alewilds Lieblingsplatz, war von dem Feuer verschont worden. Auf das Schlimmste gefasst durchsuchten sie die noch warme Asche. Aber das Feuer hatte dermaßen gewütet, dass sie nicht einmal den eisernen Kesselhaken fanden, der den Topf über dem Herdfeuer gehalten hatte. Bedrückt verließen sie den Ort, an dem einst der Berghof gestanden hatte. Im Dorf gingen sie von Hof zu Hof. Überall hing der beißende Geruch von Rauch und verkohltem Holz in der Luft. Nichts als Asche und geborstene Balken sahen sie. Es war ein elender Anblick, der ihnen den Schmerz, aber auch die Wut in die Augen trieb. Selbst die Dorflinde hatte unter dem Brand gelitten. Stamm und Äste waren versengt und alle Blätter abgefallen. Mahnend zeigten ihre kahlen Äste über das niedergebrannte Dorf. Aus Sorge um ihre Angehörigen stiegen sie zum Fluss hinab, fanden jedoch keine menschlichen Spuren.

Plötzlich beugte sich Alewild vor. In dem Flussgrund hatte sie etwas aufblitzen sehen. Sie stieg in das Wasser und kehrte mit einem Ledergürtel zurück. Er war lang und schmal und ringsherum mit blauen, in Silber gefassten Steinen besetzt. Die Schließe besaß die Form eines Wolfskopfes. Das Bildnis war so kunstvoll gestaltet, dass es überaus echt wirkte. Als sie bemerkte, dass die Augen des Wolfs sie geradewegs anstarrten, ließ sie vor Schreck den Gürtel fallen.
Garulf hob ihn auf. Nachdem er ihn abschätzend in der Hand gewogen hatte, gab er ihn ihr zurück. "Heb ihn gut auf. Es ist ein außergewöhnliches Schmuckstück." Nach einem Blick auf den Himmel, an dem sich regenschwere Wolken zusammengezogen hatten, drängte er zum Aufbruch.
Sie rollte den Gürtel zusammen und verstaute ihn in ihrem Beutel. Aber anstatt zu gehen, starrte sie zu dem Dunkelwald hinüber.
"Komm!", forderte er sie auf, "es wird bald regnen."
"Ich rühre mich nicht von der Stelle, bis ich weiß, was aus meinem Vater geworden ist." Sie stampfte mit dem Fuß auf und sah ihn mit blitzenden Augen an.
"Über den Fluss kannst du nicht."
"Ich muss herausfinden, ob ihnen etwas zugestoßen ist."
"Sie werden in die Bergwälder geflohen sein."
Alewild schüttelte den Kopf, dass die rotblonden Haare flogen: "Alle wurden umgebracht."
"Wie kannst du das wissen?"
Aber sie hörte ihn nicht mehr. Von Schmerz erfüllt lief sie am Ufer auf und ab. Vor einem Weidenbaum blieb sie stehen und hämmerte solange mit den Fäusten gegen den Stamm, bis ihr das Blut aus den Nagelwurzeln sprang.

Zurück im Dorf ruhten sie unter der Linde aus. Von Unn wusste Alewild, dass sie ein ganz besonderer Baum und einer Göttin geweiht war. Als sie sich an seinen Stamm lehnte, umfing sie ein Zustand des Friedens. Zugleich spürte sie die von ihm ausgehende Kraft, die aus den tiefsten Tiefen der Erde kommen musste. Die Linde war mit dem Boden durch ein mächtiges Wurzelwerk verbunden. Ganz unten mussten gewaltige Kräfte schlummern, seit Urbeginn der Welt, stetig, unaufhaltsam und ewig. Die Mutter Erde war für alle da. Sie nährte Menschen, Tiere und Pflanzen. Erhaben stand sie über den Dingen, nichts konnte sie erschüttern. Machtvoll stießen diese Kräfte nun empor, drangen durch die Wurzeln, fuhren in Stamm und Äste und gingen auf Alewild über. Ihr Herz füllte sich mit frischem Mut.

Nach der Rast brachen sie, wie Unn geraten, in Richtung Hornbach auf. Unterwegs riefen sie laut die Namen ihrer Eltern, Geschwister und Freunde, aber der auf die Blätter aufschlagende Regen war die einzige Antwort. Je länger sie suchten, desto mehr schwand ihre Hoffnung und schließlich gaben sie die Suche ganz auf.

Ein aufkommender Wind und der stärker fallende Regen erschwerten den Anstieg in die Berge. Überhaupt kam Garulf nicht so voran, wie er wollte. Die Dinge entwickelten sich nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. An eine Heirat war derzeit nicht zu denken. Alewild wirkte bedrückt und verstört. Das war die Schuld der beiden Moorweiber. Die alte Zauberin hatte ihr eingeredet, dass ein schlimmes Unglück kommen werde und sie dafür verantwortlich seien. Das ganze Gerede von den Unheil verheißenden Vorzeichen, fliegenden Raben und flüsternden Stimmen war Unsinn und zeigte, wie stark Unn selbst unter den Einfluss der Moorgeister stand. Es hatte dazu geführt, sie alle zu verwirren und zu ängstigen. Das verdross ihn umso mehr, als es galt, jetzt einen kühlen Kopf zu bewahren und entschlossen zu handeln. Bei dem Gedanken an die Finstermänner aus dem Wald ballte er die Hände. Er blieb stehen und streckte seine Faust in Richtung Dunkelwald aus. Diese Mordbrenner hatten sein Dorf überfallen. Darauf gab es nur eine Antwort: Blutige Rache! Den Tod, den sie über das Tal gebracht hatten, sollten sie hundertfach vergelten. Mit Ranings und Skarthas rauer Sippe würde er es ihnen übel heimzahlen. Er war sich sicher, dass die Waldbauern ohne viel zu fragen für Ehre und Freundschaft einstanden.
Obwohl sie lange kein Wort miteinander gesprochen hatten, ahnte Alewild, was in ihm vorging.
"Du brauchst mich nicht so anzustarren", brach es aus ihm heraus. "Ich habe mir alles gründlich überlegt. Unn lässt Schreckensbilder aufziehen und ängstigt uns mit Gruselgeschichten aus vergangenen Zeiten. Ich glaube nur das, was ich sehen und mit den Händen greifen kann. Ein Pferd wurde geraubt und Endel überfallen. Es waren weder Geister noch Gespenster, sondern blutrünstige, hinterhältige Krieger. Die Antwort ist Vergeltung und genau die werden sie bekommen."
Alewild hielt es für besser, Unns Rückkehr abzuwarten und zunächst nichts zu unternehmen. Aber sie behielt diesen Gedanken für sich, denn stur wie er war, würde er seine Meinung doch nicht ändern.
Der Regen nahm zu und bald waren sie bis auf die Haut durchnässt. Während Garulf Alswinn am kurzen Zügel führte und getrieben von Verlust, Wut und Rache weit ausschritt, bereitete Alewild der aufgeweichte Boden größere Schwierigkeiten. Sie fiel zurück. Das kam ihr nicht ungelegen, denn sie wollte allein sein. Die Gedanken nach innen gekehrt und den Blick auf den Boden gerichtet, durchlebte sie die letzten Tage noch einmal. Ein Unglück war dem anderen gefolgt. Die Bluttat auf der Schafweide und Hruddas Sturz bildeten den Anfang, der Brand in Endel, der so vielen das Leben gekostet hatte, den Schluss. Wie eine düstere Wolke hatte sich das Unheil über das Tal gesenkt. Aus weiter Ferne drangen Unns Worte zu ihr: "Du hast das Gesetz gebrochen und damit alles in Gang gesetzt." Alewild schrie auf und taumelte. Vor ihren Augen begann sich der Untergrund zu drehen. Die Wolken warfen Schatten über den Weg. Immer schneller huschten sie über den Boden, bis er ganz im Dunkeln lag. Als sie den Kopf hob, war der Himmel schwarz von Raben. Die Augen scharf auf sie gerichtet, zogen sie ihre Kreise tiefer und tiefer. Sie hielt die Hände abwehrend über den Kopf und drängte sich schutzsuchend unter den nächsten Baum. Mit lautem, widerwärtigem Geschrei fielen die Schwarzgefiederten über sie her. Sie spürte die scharfen Schnäbel auf der Haut und die Krallen in den Haaren, war aber außerstande, sich zu wehren. Langsam sank sie zu Boden. Da wurden Rufe laut, Schritte näherten sich, und ein wildes Kreischen und Flattern erfüllte die Luft. Sie fühlte sich empor gerissen. Garulfs kräftiger Arm hatte sie gefasst.

9. Greip und Gjalp

Anfangs bereitete Unn das Gehen Schwierigkeiten. Sie traute ihren Beinen nicht und setzte nur zögernd den Fuß. Doch je länger sie wanderte, desto sicherer wurde ihr Tritt. Die Reise bereitete ihr nun weniger Sorgen. Als sie ein Wiesel bemerkte, bückte sie sich und warf rasch einige Steine über die Schulter. "Gerade die Zeichen beim Angang sind wichtig. Wenn das Wiesel vorbeiläuft, darf man nicht weitergehen, bevor man drei Steine vom Weg aufgehoben und über die rechte Schulter geworfen hat, sonst bringt es Unglück", erklärte sie Lynn. Je höher sie in die Bergwälder stiegen und je weiter sie sich vom Thulbatal entfernten, desto mehr schwand die Angst vor dem Dunkelwald. Als Unn den glücksbringenden Ruf des Rotkehlchens vernahm, rief sie: "Sein Gesang ist ein gutes Zeichen", und setzte den Weg guten Muts fort.

Eine tief eingeschnittene Schlucht mit steilen Wänden führte in das Gebirge. Während sich anfangs noch hier und da kleinere Baumgruppen zeigten, nahm der Bewuchs mehr und mehr ab und schließlich trotzten nur noch wenige, verkrüppelte Bäume dem ständigen Wind. Der Boden war hart und von losem Geröll bedeckt. Die hervortretenden Steine besaßen scharfe Kanten und mussten sorgfältig umgangen werden. Erst als die Sonne am höchsten stand, erreichten sie das Ende des Tals. Vor ihnen erstreckte sich ein ebenes Stück Land, das mit Buchen bestanden war. In dem Wäldchen herrschte eine eigenartige Stimmung. Ein Unterholz gab es nicht. Die säulenartigen Stämme der Bäume und die erhaben über ihnen rauschenden Wipfel duldeten nichts Böses und schufen eine tiefe Form des Friedens. Vogelstimmen erfüllten die Luft und bezauberten durch ihren Klang. In das Flöten des Kleibers mischte sich der feine Gesang des Feuerköpfchens. Zwischen Pilzen mit rotweiß gesprenkelten Hüten schimmerte das frische Grün des Laubmooses. Im sanften Wind schaukelten die zierlichen Halme der Waldsegge und des weichen Flattergrases. Unn deutete auf einen Baumschössling, der sich zwischen den Wurzeln eines Baumriesen dem Sonnenlicht entgegen reckte. "Wusstest du, dass seine Jugend viele Menschenleben dauert und er während dieser Zeit von der Mutter ernährt und beschützt wird? Erst danach ist er erwachsen und erreicht seine volle Größe sowie ein hohes Alter". Lynn fuhr mit dem Finger sanft über einen der jungen Zweige. Das kleine Bäumchen hatte vielleicht hundert Jahre bis zu seiner jetzigen Größe gebraucht, dachte sie, eine Zeitspanne, die sie nie erleben würde. "Hast du dir überlegt, wie die Bäume uns Menschen wahrnehmen?", fuhr Unn fort. "Ohne jeden Nutzen und von kurzer Lebensdauer sind wir für sie. Wir nehmen ihnen sogar das Leben, um Holz für den Hausbau und das Herdfeuer zu gewinnen. Denke stets daran, denn sie sind Lebewesen, geschaffen von dem gleichen Gott, dem auch wir das Leben verdanken, und erweise ihnen die gebührende Ehrerbietung."

Hinter dem Wald begann das Gelände steil anzusteigen. Nach einem prüfenden Blick ließ sich Unn auf die Hände und Knie nieder, um auf diese Weise nach oben zu gelangen. Der einsetzende Regen weichte den Boden auf, so dass ihre Füße schwer Halt fanden. An besonders steilen Stellen geriet sie in Gefahr abzustürzen. In ihrer Not klammerte sie sich an die Zweige krüppeliger Sträucher, deren Wurzeln sich fest in den Berg gekrallt hatten. Sie keuchte vor Anstrengung und zitterte am ganzen Körper, als sie Stück für Stück höher kletterte. Immer häufiger musste sie nun anhalten. Sie hob den Kopf und schaute suchend nach oben, um zu sehen, wie es weiterging. Mit der Hand wischte sie sich das Gesicht trocken, stützte die Hand in die Hüfte, sah kurz zurück, reckte den hageren Kopf wieder nach vorn und stieg weiter. An ein Aufgeben dachte sie nicht. Zu wichtig war die Reise. Mit aller Macht, die in ihrem altersschwachen Körper steckte, kämpfte sie sich den Hang hinauf.

Als sie oben angelangt waren, freute sich Lynn: "Der erste Aufstieg wäre geschafft."
Noch außer Atem keuchte Unn: "Ein Sprichwort sagt: Die Beine sind leicht, wenn der Wille stark ist."
Lynn, die noch nie so weit in den Bergen gewesen war, blickte sich mit staunenden Augen um. Von Endel war nur ein dunkler Fleck zu sehen, aus dem der Stamm der Dorflinde und seine entlaubte Krone düster aufragten. Die Wasser der Thulba glitzerten hell im Sonnenlicht. Ohne Ende erstreckte sich dahinter der Dunkelwald. Wer weiß, überlegte sie, was sich unter seinem dichten Dach verbarg. Auch Unns Gedanken waren abgeschweift. Wehmütig dachte sie an ihre Behausung am Tannenmoorsee zurück. In den nächsten Tagen würden der weite Himmel das Dach und Steine ihr Lager bilden. Seufzend erhob sie sich, warf sich ihr Bündel über die Schulter und griff nach dem Stock.

Sie hielt auf einen Felsen zu, der die Form eines kopfstehenden Kegels besaß. "Siehst du dort den Weg", machte sie Lynn auf einen schmalen Fußpfad, der hinter dem Felsen begann, aufmerksam. "Es ist der Höhenweg und wird uns über Täler, Schluchten und Höhen bis in das Glizzantal begleiten und ein guter Führer sein." Auf dem folgenden, nur leicht ansteigenden Gelände kamen sie gut voran. Der Weg wand sich durch üppige Blumenwiesen und war bequem zu gehen. Gegen Abend fanden sie in einer geräumigen Berghöhle Schutz vor der Nachtkälte. Gerade als sie sich in die Umhänge gehüllt hatten und die Augen schließen wollten, vernahmen sie ein langgezogenes Heulen, das schnell näher kam. Lynn griff nach dem Beinlein, das um ihren Hals hing, und suchte Unns Nähe. Diese hatte schon den Hammer in der Hand und murmelte Sprüche, die vor dem Wolf schützen sollten.
"Ob sie uns finden?", fragte Lynn leise.
"Kein Wort mehr!", gab die Alte leise zurück. "Sie besitzen ein so feines Gehör, dass sie die Wolken vorbeiziehen hören."
Mit scharfen Augen spähte Lynn in die Nacht. Durch eine Lücke in den Wolken fiel silbriges Mondlicht und erhellte den Platz vor der Höhle. Aus dem Dunkel lösten sich mehrere Schatten. Es waren große Tiere. Deutlich konnte sie den breiten Kopf und die schräg angesetzten Augen erkennen. Im geschnürten Trab kamen sie heran, geduckt, die buschige Rute weit nach hinten gestreckt und die Schnauzen dicht über dem Boden. Sie konnte einen leisen Aufschrei nicht unterdrücken.
"Still! Sonst bemerken sie uns. Wir sind wehrlos und können uns nicht verteidigen."
Lynn drängte sich enger an die alte Frau. In einer Entfernung von wenigen Schritten liefen die Grauwölfe an der Höhle vorbei. Sowie sie weit genug entfernt waren, stieß Unn erleichtert aus. "Thor hat uns beschützt! Ich meine, seinen von Ziegenböcken gezogenen Wagen und das Mahlen eisenbeschlagener Räder oben in den Wolken gehört zu haben."
Lynn setzte sich auf. "Wie Feuersglut funkelten ihre Augen, als sie an uns vorbeiliefen. Ich habe Todesängste ausgestanden."
Unn nickte. "Sie können deine Furcht riechen. Was sie gewittert haben, lassen sie nicht mehr entkommen. Im Schutz der Wälder nähern sie sich, schleichen geduckt, fast lautlos durch das Gras und umzingeln ihre Beute, um dann in großer Zahl und von allen Seiten über sie herzufallen. Das macht sie so gefährlich. Seit alters her sind sie die größten Jäger. Sie haben die Augen eines Jägers, sind listig, schlau und ausdauernd und hetzen ihre Beute zu Tode. Sie besitzen einen kräftigen Biss. Ihre scharfen Reißzähne schlagen sie in den Hals oder Nacken ihrer Beute. Haben sie einmal zugeschnappt, lassen sie nicht wieder los."
Unn setzte sich ebenfalls auf. "Sie sind ständig auf Beute aus", fuhr sie nach einer Weile fort. "Weil sie die Schafe und Ziegen auf der Weide rissen und Haustiere fraßen, waren die Bauern nicht gut auf sie zu sprechen. Sie hatten selbst nicht genug zu essen und vertrieben die Tiere mit Steinen und viel Geschrei. Als das nichts half, begannen sie, sie zu bekämpfen, und erschlugen sie, wo sie sich zeigten. Niemals wieder sollten sie in die Schafe fallen. Schlagt die Schaf- und Schweineräuber tot, riefen sie, sie sobald sie einen zu Gesicht bekamen. Das sind blutrünstige Räuber!
Aber die Raubzüge der ewig Hungrigen hörten nicht auf. Harte Winter trieben sie in großen Rudeln aus den Wäldern. Die Menschen bekamen Angst vor diesem wilden Tier, das gnadenlos seine Beute hetzt. Seine unersättliche Gier, die Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer sowie das Auftreten in großen Rudeln erhöhten ihre Furcht. Also versuchten sie mit allem, was sie hatten, gegen ihn vorzugehen. Ohne Erbarmen jagten sie ihn mit Knüppeln und Mistgabeln. Sie züchteten große und starke Hunde, die darauf abgerichtet waren, sie zu töten. Fast wäre es ihnen gelungen, den Wolf auszurotten. Er fühlte sich in die Enge getrieben und zog sich in die Berge zurück, um der Verfolgung zu entgehen. Fernab von den Menschen versuchte er, sein ursprüngliches Wesen zu bewahren. Als man ihm auch dort nachsetzte, wehrte er sich und schlug zurück. Gierig lauerte den Herdentieren auf und riss mehr als er brauchte. Jagte er früher am Tag, suchte er nun den Schutz der Dunkelheit für seine Beutezüge. Von daher glaubten die Menschen, er habe sich mit den Mächten der Finsternis verbündet und stellten ihm erst recht nach." Unn erhob sich und vergewisserte sich, dass alle Wölfe verschwunden waren: "Von welcher Seite kamen sie?"
"Von links."
"Das bringt Unglück. Die rechte ist die bessere Seite und bedeutet das gute Gelingen der Unternehmungen, während die linke einen schlechten Ausgang verheißt." Als sie bemerkte, dass Lynn noch immer angstvoll zitterte, setzte sie beruhigend hinzu: "Du brauchst dich nicht zu fürchten. Auf uns hatten sie es nicht abgesehen." Aber sicher war sie sich nicht. Die Tiere stürmten zum Thulbatal, aus dem sie soeben gekommen waren. Mit Schrecken dachte sie an Alewild und Garulf. Hoffentlich hatten diese das Tal rechtzeitig verlassen können.

Am nächsten Tag erreichten sie einen Pass von eigenartigem Aussehen. Es war ein öder Ort ohne Sträucher und Bäume, an dem der Wind über das nackte Gestein fegte und heulend über die Grate strich. Zu beiden Seiten erhoben sich Felsen, die wie Torwächter vor dem Eingang in die dahinterliegende Bergwelt standen. Eine Nische bot ihnen einen geschützten Platz zum Übernachten. Erschöpft ließ sich Unn auf dem harten Boden nieder. Ihre Beine schmerzten und kreuzlahm war der Rücken. Sie nahm das Lederband mit den Luchsklauen und fuhr damit über die wunden Stellen. Dann drehte sie sich um und schlief sofort ein. Die Nacht brach übergangslos herein. Der Wind hatte den Himmel leergefegt und Kälte gebracht. Klar leuchteten die Sterne. Aus der Dunkelheit näherte sich ein nachtschwarzer Rabe und ließ sich auf einem nahen Felssporn nieder. Lange beobachtete er die Schlafenden, ehe er sich leise krächzend erhob.

Mit den ersten Strahlen der Sonne erwachte Unn. Sie war in der Nacht wieder von dem Alb heimgesucht worden. Obwohl sie nicht viel geschlafen hatte und sich zerschlagen fühlte, verlor sie keine Zeit. Jeder Tag war jetzt wichtig. Mehr rutschend als kletternd stiegen sie in eine Schlucht hinab und folgten einem Bach, der sich tief in die Felsen eingegraben hatte. Sie waren noch nicht weit gekommen, als sich das Tal verengte und die Wände zusammenrückten. Statt des Himmels wölbte sich ein Dach aus Steinen über ihnen. Vor einem großen Felsblock mussten sie anhalten. Er war unter der überhängenden Decke eingeklemmt und nahm die gesamte Breite des Weges ein. Nachdem Lynn einige Gesteinsbrocken zur Seite geräumt hatte, gelang es ihnen, sich an ihm vorbei zu zwängen. Dabei schauten sie immer wieder besorgt nach oben, denn dort rumpelte es bedrohlich. Am Ende der Schlucht traten die Felsen zurück und gaben den Himmel wieder frei. Munter schritten sie aus, doch als sie um die letzte Felsecke bogen, blieben sie wie angewurzelt stehen. Auf der Wiese hockten zwei Bergweiber von beängstigendem Aussehen. Die Gesichter waren grob und plump, die Nasen und Ohren von ungewöhnlicher Größe und das zottelige Haar reichte bis zu den Hacken. Mit breiten Händen flochten sie ausgerissene Tannenstämmchen wie Weiden zu einem Korb.
Als sie die Frauen bemerkten, winkte eine der Riesinnen sie heran und fragte barsch: "Wer seid ihr?"
Unn und Lynn konnten nicht mehr umkehren, denn zu dicht standen sie vor den schrecklichen Weibern. Unn nahm sich ein Herz und antwortete: "Zwei arme Frauen, die Kräuter suchen."
"Auf Kräutersuche?"
"Kräuter", meckerte die andere und lachte. "Hast du hier welche wachsen gesehen, Gjalp?"
"Die gibt es hier nicht", antwortete die Angesprochene. "Ich glaube, Greip, sie sind es, die uns angekündigt wurden."
"Schweig, Gjalp", fuhr Greip ihr über den Mund. "Das brauchen sie nicht zu wissen."
Gjalp wandte sich wieder an die Frauen: "Eure Namen und Herkommen!"
"Ich heiße Unn und meine Begleiterin Lynn. Wir kommen aus dem Thulbatal und haben uns verlaufen."
"Verirrt haben sie sich", kicherte Greip.
"Wohin wollt ihr?", forschte Gjalp weiter.
"Zurück zu unserer Hütte", antwortete Unn, die zu ahnen begann, dass die beiden nicht zufällig hier waren.
"Das dulden wir nicht", lehnte Gjalp ab und warf die Handarbeit so heftig auf den Boden, dass die Stämme durch die Luft flogen und die Menschen ihnen nur durch schnelle Sprünge entgehen konnten. "Diese Berge sind unser Reich. Hier bestimmen wir, was zu geschehen hat."
"Wir wussten nicht, dass dies euer Land ist."
"Die unwirtliche Bergwelt mit ihren Klippen und Schluchten ist unsere Welt. Wer durch die steinernen Torwächter tritt, begibt sich in unsere Gewalt. Euer Leben habt ihr verwirkt." Bei diesen Worten lachte sie rau und ungebärdig auf.
Um Zeit zu gewinnen fragte Unn: "Nennt mir euren Namen und das Geschlecht, damit ich weiß, wer uns erschlug!"
"Das zu wissen nützt dir nach dem Tod nicht viel, armseliger Erdenwurm, aber gleichwohl sollst du erfah¬ren, wer wir sind. Man nennt uns Greip, den Griff, und Gjalp, die Prahlerin. Wir stammen aus uraltem Riesengeschlecht. Riesenheim, unser Herkunftsland, ist der älteste Teil dieser Welt. Die Vielwissenden nennt man uns, weil unsere Kenntnisse bis in ihre Anfänge zurückreichen.
Ihr Menschen seht nur die Gipfel der Berge, aber in Wirklichkeit sind es die Häupter schlafender Riesen, die tief in der Erde stecken. Unsere Fußtritte bilden die Täler und von unseren Tränen rühren die Flüsse her. Ungeheure Bauten und Bergversetzungen sind unsere Ta¬ten, Steine und harte Felsen unsere Waffen. Wir reiben Flammen, drücken das Wasser aus den Steinen und entwurzeln Bäume. Die Berg- und Steinriesen sind ein wildes und gewaltige Felsblöcke schleuderndes Volk. Doch können wir uns auch übermütig und verspielt geben und voller Heiterkeit mit kindlichem Frohsinn durch die Berge tollen sowie weichherzig über verunglückte Tiere weinen. Nun wisst ihr, in wessen Gewalt ihr geraten seid."
"Wir haben euch nichts getan!", versuchte Unn sie umzustimmen.
"Nie werdet ihr begreifen, dass es Dinge gibt, an denen der Mensch nicht rühren darf, und Bereiche, die ihm verschlossen sind. Dies hier ist unsere Welt, ein Gebiet voller Macht und Gewalt, und wer sie betritt, darf nicht mit Nachsicht rechnen. Schade, dass ihr so schwächlich seid, sonst wäre euer Tod ein besserer Zeitvertreib."
Gjalp betrachtete ihre schaufelartige, behaarte Pranke eingehend: "Wie Maden zerdrücke ich sie mit dem Daumen."
Unn hatte von den Riesinnen Greip und Gjalp vernommen. Sie waren roh und gewalttätig, aber nicht besonders klug. Als Thor auf dem Hof ihres Vaters Geirröd weilte, hatten sie ihn in das Ziegenhaus gelockt. Während der Gott nichtsahnend auf einem Stuhl saß, waren sie unbemerkt darunter gekrochen und hatten versucht, ihn mitsamt dem Stuhl gegen die Decke zu drücken, um sein Rückgrat zu brechen.
"Ich habe von euch gehört", entgegnete Unn. "Alle Welt lacht darüber, wie sich Thor, auf dem Schemel sitzend, mit dem Hammer gegen die Decke des Ziegenhauses stemmte und euch den Rücken krümmte."
"Erinnere mich nicht daran", rief Greip aufgebracht, deren Knochen bei feuchter Witterung noch immer schmerzten.
Die Alte holte ihren Silberhammer hervor und hielt ihn hoch. "Ihr wisst, dass Thors Waffe nie das Ziel verfehlt und auch den härtesten Riesenschädel spaltet."
Zornig wollte sich Gjalp auf sie stürzen, doch Greip hielt sie zurück. "Woher hast du diese Waffe?", erkun¬digte sie sich argwöhnisch.
"Wir stehen unter Thors besonderem Schutz."
"Der weilt entfernt in Asgard."
In höchster Not schrie Unn: "Stell dich zum Kampf, hirnloser Klotz, wenn Mut dir im Gebein steckt."
Verwundert sah Lynn sie an. Woher nahm sie den Mut zu diesen Worten?
Es dauerte eine Weile, bis die Riesenweiber begriffen. Dann brachen sie in ein schallendes Gelächter aus, das so gewaltig war, dass sich Steine aus den Wänden lösten und ins Tal rollten. Drohend reckten sie sich zu ihrer vollen Größe auf.
"Wir sind bereit", tönten ihre Worte aus großer Höhe. "Die Wiese soll unser Spielfeld sein."
"Beweist mir eure Stärke, denn es ist nicht unsere Art, sich mit Schwächlingen abzugeben", rief Unn zu ihnen hinauf.
Greip ergriff ein Felsstück, das auch von mehreren Männern nicht gehoben werden konnte, und schleuderte es mit Leichtigkeit über die Tannenwipfel. "Jetzt hast du meine Kraft gesehen, Wurm. Kaum wirst du mich übertreffen."
Nur mit Mühe konnte Unn ihr Erschrecken verbergen. "Diese Steine", erwiderte sie und deutete über die Wiese, "sind zu unbedeutend. In der Schlucht sah ich einen, der mir geeigneter erscheint."
Zusammen gingen sie zu der Stelle, an der der eingeklemmte Felsblock den Weg versperrte.
"Diesen Stein", erklärte Unn, "hat Lynn zur Seite geschoben, damit wir vorbeigehen konnten. Ihr besitzt wohl kaum die Kraft dazu."
Die Riesinnen staunten. Dann traten sie vor, und Gjalp versuchte, den Stein zu bewegen. Er rührte sich nicht von der Stelle. Erst als Greip sich mit den Schultern gegen das Felsdach stemmte, gelang es ihr, ihn zu lösen. Im gleichen Augenblick begann es über ihren Köpfen gefährlich zu knacken und zu rumpeln. Steine lösten sich und fielen polternd auf den Weg. Schnell riss Unn Lynn mit sich fort.
"Ich greife sie mir", rief Greip und wollte ihnen nacheilen, aber ein scharfes Krachen ließ sie inne halten.
"Die Berge fallen ein", warnte Gjalp und kam der Schwester zu Hilfe. Gerade noch rechtzeitig konnte sie den Einsturz der Felswand verhindern. Mit Riesenkraft mussten beide ihre Schultern gegen das Gewölbe stemmten. Sobald der Druck nachließ, drohte es zusammen zu brechen.
"Die Schwächlinge haben uns hereingelegt", schrie Greip ihre Schwester an. Beide starrten sich böse an.
"Ich werde sie zermalmen, sobald ich sie zu fassen bekomme", brüllte Gjalp im Riesenzorn.
"Ich zertrete sie und stampfe sie klaftertief in den Boden, wo die Würmer sie fressen", drohte ihre Schwester. "Mein wilder Fluch soll ihnen nacheilen und sie wie eine Zange fassen."
Sie zeterten und fluchten so grausam, dass das Tal bebte und Felsstücke gegen den Himmel sprangen. Unn und Lynn hatten unterdessen den Wiesenhang überquert und in dem angrenzenden Wald Schutz gefunden. Vergnügt hüpfte Lynn von einem Bein aufs andere.
"Freu dich nicht zu früh", dämpfte Unn ihre Freude. "Sie brennen auf Rache. Der Riesen Groll kann furchtbar sein."
"Sie sind so dumm, wie sie groß sind."
"Wir wurden angekündigt, denn sie schienen uns zu erwarten. Irgendjemand will unsere Reise verhindern."
"Außer Alewild und Garulf weiß niemand von der Fahrt."
"Die scharfäugigen Raben sind seine Späher."
"Umkehren können wir nicht. Hör nur, wie sie in der Schlucht toben."
Die Alte nickte: "Das Gespräch mit der Seherin ist notwendiger denn je."

Auf dem Höhenweg drangen sie tiefer in das Gebirge ein. Unn musste sich nun öfter ausruhen. Die Kraft ihrer Beine hatte nachgelassen und die Knie knickten immer wieder ein. Lynn bereiteten die Wege weniger Mühe. Sie war guter Dinge und eilte der Alten leichtfüßig voraus. Übermütig sprang sie von Stein zu Stein, bis sie auf einer bemoosten Stelle ausrutschte und fiel. Als sie aufstand, konnte sie mit dem rechten Fuß nicht mehr auftreten. Nachdem Unn die Verletzung besehen hatte, kramte sie aus ihrem Beutel die Astrune "ᚻ" hervor, die dem Heil und der Abwehr diente. Während sie damit kreisend über den verletzten Fuß strich, erzählte sie die Geschichte von dem Pferdesegen. "Als Odin einst mit mehreren Göttern durch den Wald ritt, verrenkte sich das Fohlen seines Sohnes Balder den Fuß. Odin, der sich auf alle Arten der Verrenkung wohl verstand, heilte es mit diesem Segensspruch:

´Bein zu Beine,
Blut zu Blute,
Glied zu Gliedern,
als wenn sie geleimet wären.`"

Lynns Schmerzen ließen auf wundersame Weise nach. Erstaunt erkundigte sie sich, wie das so rasch geschehen konnte. Unn gab bereitwillig Bescheid: "Wichtig ist das Zusammenwirken des geraunten Wortes mit den geritzten Runen", sagte sie. "Der Heilsspruch entstammt den Alten Liedern, von denen ich nur sehr wenig weiß. Etwas besser kenne ich mich mit den Runen aus. Sie verleihen übernatürliche Kräfte auf allen Gebieten, die Fähigkeit, Feinde zu rufen und zu bannen, sowie die Macht, Menschen zu helfen, aber auch zu schaden. Der wahre Kundige kann mit ihnen Liebe und Hass sowie Seuchen und Plagen hervorrufen, Segen geben und verwünschen, das Wetter sowie den Ausgang von Unternehmungen, vornehmlich der Kriege, vorhersagen oder sogar beeinflussen. Aber die Hölzer zu werfen, sie richtig zu lesen und den Willen der Götter zu erforschen ist eine hohe Kunst, die nur wenige beherrschen."
"Kann man mit ihrer Hilfe auch Geister beschwören?"
"Sei still. Davon sollst du nichts wissen."
Aber Lynn drängte und bettelte solange, bis Unn ein weiteres Runenholz aus der Tasche holte und es ihr gab. "Man kann sich damit der durch die Luft reitenden Geisterscharen, der unheilvollen Abendreiterinnen, erwehren. Wenn du sie rückwärts durch den gebeugten Arm erkennst, musst du mit der hochgehaltenen Rune durch einen gespaltenen Baum gehen und den Abwehrzauber aufsagen."
"Verrätst du mir den Spruch?"
Unn hob die Stimme:

"Einen Zauberspruch kenn ich,
wenn Zauberweiber
im Fluge durchfahren die Luft:
Bewirken kann Ichs,
dass sie wenden den Pfad;
nach Hause, der Hüllen beraubt,
nach Hause, verstörten Verstands.

Nicht immer hilft er", schloss sie. "Es kommt darauf an, wie viele und wie stark sie sind. Aber untersteh dich, sie zu rufen oder sie dir dienstbar machen zu wollen. Das schafft nur Böses. Ehe du dich versiehst, erliegst du ihnen und verfällst ihrem düsteren Tun. Besser, du befasst dich mit der Kunst, Kranke zu heilen und Schmerzen zu lindern. Höre, was die Alten Lieder sagen:

´Astrunen lerne,  
 wenn du Krankheiten erkennen   
 und heilen willst.  
 Man ritzt sie auf die Borke  
 und des Baumes Gezweig,  
 der ostwärts die Äste streckt.`          

Dieses Wissen ist den Menschen willkommen, aber sie glauben, dass viel Zauberei dabei ist, und die ist ihnen unheimlich. Sie begreifen nicht, dass die Runenkunde göttlichen Ursprungs ist, und gerade dies ihre Wirksamkeit ausmacht." Damit war sie bei den Dingen, die ihr am Herzen lagen, und sie sprach mit leuchtenden Augen von der alten Zeit sowie von dem Leben und Glauben ihrer Vorfahren.

Je länger die Reise dauerte, desto mehr setzten Unn die Beschwerden zu. Längst waren Knöchel und Knie angeschwollen, und sie wagte nur zitternd den Fuß zu setzen. So war sie jedes Mal froh, abends die geschundenen Glieder ausstrecken zu können. Nur ihrem zähen Willen verdankte sie es, den immer schwächer werdenden Körper auf den Beinen zu halten. "Schau wie die von ewigem Eis und Schnee bedeckten Bergkuppen glitzern und funkeln. Von daher hat das Gebirge seinen Namen", rief sie eines Tages freudig aus, als sie die schimmernden Kuppen der Glizzanberge sah. Tief unter ihnen, am Fuß eines Abhangs, der von wenigen überhängenden, wurzelfesten Bäumen bestanden war, wälzte ein breiter Strom seine Fluten und bildete eine Vielzahl größerer und kleinerer Flussarme.

Der Abstieg erforderte noch einmal Unns ganze Kraft. Bis zum Talgrund hielt sie durch, am Ufer brach sie zusammen. Während sie auf dem Boden lag, fielen die geisterhaften Wesen über sie her und zauberten schreckliche Traumbilder. Über den Bäumen des Dunkelwaldes tauchten die breiten Gesichter der Trolle auf und drückten die Wipfel mit ihren riesigen Pranken auseinander. Narbige, krummbeinige Krieger, begleitet von Wölfen, folgten ihnen. Ihr Geschrei vermischte sich mit dem Heulen und Gekreisch der durch die Luft reitenden Unholde zu einem ohrenzerreißenden Lärm. Unn versuchte, die Erscheinungen zu vertreiben, mühte sich auf, torkelte und fiel wieder auf die Knie. Erst mit Lynns Hilfe gelang es ihr, aufrecht stehen zu bleiben. Sofort schaute zu dem gegenüberliegenden Ufer. Da war nichts außer Steinen und windgeschüttelten Bäumen, die starr die dürren Äste reckten, als habe ihnen ein eiskalter Hauch die Lebenskraft genommen. Von Groas Hütte war nichts zu sehen. Entmutigt ließ sie die Hände sinken. Doch Lynn hatte das Dach des kleinen Häuschens, das hinter dichtem Buschwerk kaum zu erkennen war, längst entdeckt.

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Mittwoch, 18. November 2015

Alewild Kapitel 4 - 6

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  1. Das Dorffest

Am Tag darauf begannen in Endel die Vorbereitungen für das Erntefest. Unter der weit ausladenden Krone der Linde wurde das Gras gesichelt und gelber Sand gestreut, Tische und Bänke aufgestellt und diese mit Blumenkränzen und Ähren geschmückt. Neben dem Stamm war ein Holzfass mit frisch angesetztem Gerstenbier aufgebockt worden. Gegen Mittag erschienen die ersten Gäste. Angeführt von den Sippenältesten Raning und Skartha trafen die Waldbauern aus Hornbach ein. Mit dabei waren Hlod aus Skarthas Sippe, und Berir, der der anderen angehörte. Sie wurden mit lauten Rufen begrüßt und herzlich willkommen geheißen. Es kam nicht oft vor, dass man so zahlreich zusammentraf. Umso größer war die Freude, die Verwandten, Freunde und Nachbarn zu sehen. Sie hatten sich viel zu erzählen: Von der Familie, von Heirat und Geburt aber auch von Krankheit und Todesfällen.
Nachdem das Wichtigste ausgetauscht worden war, wandte man sich dem festlichen Ereignis zu. Unter den erwartungsvollen Blicken der Zuschauer zogen Garulf und sein Vater einen Wagen aus dem Holzverschlag. In seiner Mitte stand hoch aufgerichtet, damit man es weithin sehen konnte, ein einfacher Holzklotz, auf dem durch Kerben das Gesicht, die Brüste und das Geschlecht Hruddas dargestellt worden waren. Man hatte diese Merkmale nur grob angedeutet, da man keine rechte Vorstellung von dem Aussehen einer Göttin besaß. Sie und der ganze Wagen waren mit Kränzen aus Roggen- und Weizenähren geschmückt. Zu ihren Füßen lagen mehrere Laibe gebackenen Brots und loses Korn in Schalen.
Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. In seiner Mitte mit knarrenden Rädern der Wagen mit der Göttin, ringsherum tanzende, singende Menschen. Kinder hüpften bald neben, bald vor dem Zug her und schwenkten Blumen und Kränze. Am Fuß des Dorfhügels wurde Hrudda vom Wagen gehoben und auf einer Trage über die Felder geführt. Man beging mit ihr jeden Acker, damit sie ihn segne und Fruchtbarkeit bewirke.
Unterdessen waren die Kinder zu einem Roggenfeld vorausgeeilt, hatten die letzte, ungemäht gebliebene Garbe genommen, die Ähren umgeknickt und sie unterwärts mit bunten Bändern umwunden, so dass das Ganze die Gestalt einer Puppe mit einem Kopf bekam. Als der Umzug diesen Acker erreichte, warfen die Bauern ihre Kappen in die Luft, fassten sich an den Händen und hüpften zu den Klängen von Flöten und Pfeifen mit entblößtem Haupt um die Strohpuppe. Einer nach dem anderen löste sich aus der Reihe und sprang unter den anfeuernden Zurufen der Zuschauer über die Garbe. Manche versuchten es allein, andere Hand in Hand und die Kühnsten überschlugen sich dabei in der Luft. Wer anstieß, wurde ausgelacht und musste zur Strafe etwas hergeben. Selbst die alten Frauen hoben kichernd die Röcke und versuchten den Sprung über die Puppe.
Dann traten die älteren Jungen und Mädchen vor. In jeder Hand hielten sie einen armlangen Knüppel aus geschältem Holz. Sie waren bunt gekleidet, trugen Schellen unter dem Knie und rote Tücher um Arme und Hüften. Zu den Tönen der Rasseln und Klappern formten sie sich zu zwei Reihen. Spielerisch gingen sie gegeneinander vor. Hart traf Stock auf Stock. Sie schnellten vor und zurück, sprangen zur Seite und drehten sich um sich selbst. Immer schneller wurden ihre Bewegungen. Schärfer ertönte das Aufeinanderprallen des Holzes. Schließlich wirbelten sie, ständig gegeneinander schlagend, in raschem Schwung, dass das Auge nicht mehr folgen konnte. Als sich der Tanz seinem Höhepunkt näherte, konnten die Zuschauer nicht mehr an sich halten. Von den wilden Bewegungen mitgerissen klatschten sie in die Hände und stampften mit den Füßen.
Nach dem Reigen tauchten vermummte Gestalten zwischen den Bäumen auf. Sie waren mit Ruß geschwärzt und trugen am Kopf Geweihe oder Hörner. Einige hatten die Gesichter hinter Tiermasken verborgen. Laut schreiend und die Arme schwenkend liefen sie zur Thulba und riefen Verwünschungen über den Fluss. Einige traten sogar bis an das Ufer, zogen die Hose herunter und richteten den entblößten Hintern gegen den Wald.

Hrudda wurde wieder auf die Trage gehoben und zu den Bollweiden des Pferdegorms hinaufgeschafft. Schwitzend kamen die Bauern oben an und schritten mit der Heiligen über das Grasland. Einer von ihnen stolperte und Hrudda rollte den Hang hinunter. Verdutzt sahen ihr die Bauern hinterher. Dann lachten sie, denn sie brauchten sie nicht mehr zu schleppen. Später stellte sich heraus, dass ein Stück Holz abgesprungen war. Dies wurde als schlechtes Zeichen angesehen, und die Bauern fragten sich, welches Unglück sie, das Dorf oder den Pferdegorm treffen würde.

Gerade als man sich zum Essen an die Tische setzen wollte, tauchte am Wildenloh eine Schar Reiter auf. Heremon und die Leute aus Veen waren angekommen und hielten direkt auf den Dorfhügel zu. Alewild trat einige Schritte vor, um die Ankunft der Gäste und deren Begrüßung genau verfolgen zu können. Die meisten der Männer waren hochgewachsen und kräftig und besaßen, welches den Mooren zugeschrieben wird, wild blickende, blaue Augen und rötlichgelbe Haare. Es hieß, sowie die Wälder nach und nach ausgehauen und die Sümpfe ausgetrocknet wären, werde der Himmel milder und die gelben Haare verlören sich.
Heremons Anblick enttäuschte sie. Sie sah einen rundlichen, schon in die Jahre gekommenen Mann umständlich vom Pferd steigen. Sein Gesicht war von dem Ritt rot angelaufen. Der Hals war kurz, dick der Bauch und niedrig die Stirn. Das einzig Prächtige an ihm war der Backenbart, der zur Zierde in zwei Hälften geteilt, sorgfältig gestutzt und, um gebieterischer zu wirken, nach vorn gekämmt war. Er trug einen rotumborteten Umhang, der von feinerer Webart war als die Mäntel der Bergbauern.
Der Mann neben ihm wurde mit Beorn, der Kluge, angesprochen. Er war dürr und hager und trug die weit über die Schultern fallenden Haare offen. Ihn überragte ein Mann mit Stiernacken, der einen Kopf wie ein Bulle und ebensolche Kraft besaß. Er wurde als Schmied Wudga vorgestellt und von seinen beiden Söhnen begleitet. Der dunkelhaarige Widia hatte den Wuchs und die Kraft des Vaters, nicht aber dessen untadelige Art geerbt. Überheblich glitten seine Blicke über die Bauern und ihre einfachen Hütten, bis sie auf Alewild stießen. Der Ausdruck seiner kalten Augen ließ sie frösteln. Wielet, Wudgas zweiter Sohn, wirkte eher schmächtig, obwohl auch er fast sechs Fuß maß. Seine Züge waren mild, die hellen Haare voll und weich. Aber die außergewöhnlichste Erscheinung stellte Anspero dar, ein wahrer Riese in Menschengestalt, der jeden um Haupteslänge überragte. Er wurde Bärenhaupt genannt, weil sein Schädel gewaltig und mit dichtem, zotteligem Haar bedeckt war.

Gorm hieß die Ankömmlinge willkommen und wies ihnen die Plätze gemäß ihrer Stellung zu. Er selbst hatte als angesehenster Mann des Dorfes den Sitz am oberen Teil des Langtisches, an der rechten Längsseite saßen Heremon und die Großbauern und links die wichtigsten Leute aus Endel und Hornbach. An den übrigen Tischen hockten die weniger Bedeutenden, vor allem jüngere Bauernsöhne und Knechte.
Heremon erwiderte die Begrüßung. Er sei noch nie in Endel gewesen und danke für die Einladung. Dann betrachtete er die Leute an seinem Tisch genauer. Ihm gegenüber saßen die Waldbauern, zuvorderst Raning, ein Mann mit breitem Gesicht und starkem Kinn. Er besaß eine füllige Gestalt und kräftige Schultern. Angetan war er mit einem Wams, wollenem Hemd und kurzen Hosen. Das Haupthaar war voll und dunkelblond. Sein ganzer Stolz war ein stattlicher Schnurrbart, dessen Enden sich sichelförmig nach unten neigten. Er hatte sich zur Seite gebeugt und redete mit dem neben ihm sitzenden Skartha, der beim Zuhören den Kopf leicht schief hielt, weil er auf einem Ohr taub war. Er war ebenso groß wie Raning, aber deutlich schlanker und hagerer. Das dunkle Haar, dessen Glanz er durch Einreiben mit Ziegentalg und Asche aus dem Holz der Rotbuche erhöht hatte, trug er glatt nach hinten gekämmt. Immer wieder strich er es über dem Ohr zurück, weil er meinte, so besser hören zu können.

Heremon hatte schon viel von den Waldbauern gehört. Sie sollten zurückgezogen in armseligen, aus rohem Holz gezimmerten Hütten leben und von der Jagd sowie Schafen und Ziegen leben, die ihren ganzen Besitz darstellten, aber die Mägen nicht immer füllten. Die Abgeschiedenheit brachte es mit sich, dass sie unbeugsam und stolz dachten. Sie selbst nannten sich die "freien Bauern" und dachten auch so. Sie begegneten allem Fremden mit Misstrauen und widersetzten sich starrsinnig selbst Neuerungen, die ihnen zum Vorteil gereichten. Obwohl er bereits zu den wohlhabendsten Männern im Land zählte und eine vielköpfige Herde sein Eigen nannte, trachtete Heremon nach weiterem Besitz. Sein Ziel war es, als Fürst anerkannt zu werden und die Herrschaft über das ganze Land zu erringen. Das Erntefest bot die Gelegenheit, die Bauern diesseits und jenseits der Hornberge für sich zu gewinnen. Aber er musste vorsichtig vorgehen, denn noch war ihre Liebe zur Freiheit ungebrochen und noch duldeten sie keinen Herrn über sich.

Der Pferdegorm eröffnete das Mahl mit der Bitte, die Talgöttin möge Hunger, Not und Krankheit fernhal¬ten und im nächsten Jahr reiche Ernten gewähren. Auch solle sie das Tal vor wilden Tieren, Dürre und Überschwemmung schützen. Dann gedachte er der Verstorbenen und leerte den ersten Becher zum Gedächtnis an die Toten. Das war das Zeichen. Alle rannten zum Kessel und suchten sich in der siedenden Brühe die besten Fleischstücke aus. Sie glaubten, je mehr sie aßen und tranken, desto inniger sei die Verbindung mit der Gottheit und desto sicherer ihr Segen. Deshalb nahmen sie Speise und Trank in Unmengen zu sich.

Nach dem Festessen führte Gorm die Gäste zu den Bergweiden und zeigte ihnen seine Pferde. Als sie zurückkehrten, hatte Goda bereits den durch Aufguss auf Honigwaben zubereiteten Met in Kannen gefüllt und Lichter auf die Tische gestellt. Die Männer nahmen unter dem breiten Dach der Linde Platz, lobten den Gastmet und sprachen ihm wacker zu.
Zunächst unterhielt man sich über das Wetter, die Ernte, das Vieh und andere alltägliche Dinge. Später wandte sich das Gespräch den jüngsten Vorfällen zu. Gorm beklagte den Verlust eines Pferdes. Es war in den Bergen von herabstürzendem Gestein erschlagen worden. Er hatte die Warnung der Bergriesen verstanden und die Tiere nicht mehr in den höheren Tälern weiden lassen.
Dann trat der Großknecht Viggi vor und berichtete von dem Blutbad auf der Schafweide. Wölfe seien es gewesen, rief er und schaute mit wild rollenden Augen in die Runde. Der Überfall löste allgemeine Bestürzung aus. Grauwölfe hatte man schon lange nicht mehr gesehen. Es fehlte nicht an guten Ratschlägen, wie mit ihnen umzugehen sei. Die einen sagten, man solle sich groß machen, laut brüllen und in die Hände klatschen. Dann bekämen sie Angst und liefen davon. Keinesfalls dürfe man Furcht zeigen oder flüchten. Sie fühlten sich sonst ihrer Beute überlegen und schlügen um so eher zu. Andere meinten, sie seien die schädlichsten Geschöpfe auf der Welt sowie gefräßig, verschlagen und grausam und müssten, sobald man sie erblicke, mit dem Knüppel erschlagen werden.
Skartha berichtete von einem unwirschen und jähzornigen Bauer, der Frau und Kinder misshandelte, und aus Ärger zwei Knechte erschlagen, Heremon von einem Zimmermann, der sich beim Lohn betrogen gefühlt und erst seinen Auftraggeber, dann dessen drei Söhne getötet hatte. Die Klage auf dem Thing hatte wenig eingebracht. Er konnte keine Buße erlegen, war verbannt worden und in die Wälder des Nordens geflohen.
Zum Schluss kam man auf die jüngsten Überfälle durch Räuberbanden zu sprechen. Vom Erbe ausge-schlossene Bauernsöhne hatten sich unter einem Führer zu einer starken Mannschaft zusammengeschlossen. Verkleidet und vermummt hatten sie einsame Bauernhöfe überfallen, Tore und Türen erbrochen und das Vieh aus den Ställen fortgeführt. Das fand man nicht unehrenhaft, solange die Raubzüge außerhalb des eigenen Landes stattfanden und die Männer mit reicher Beute zurückkehrten. Aber mit zunehmender Sorge beobachtete man, dass sie begannen, die eigenen Höfe zu plündern. "Nicht weit von der Grenze", erzählte Anspero Bärenhaupt und warf sich dabei in die Brust, "wurden einige auf frischer Tat gefasst und an Ort und Stelle gerichtet. Ihre Leiber band man auf untergelegte Holzstangen und stellte sie zur Warnung an andere Übeltäter senkrecht auf die auseinander gespreizten Füße."
"Man ist seines Lebens nicht mehr sicher", brummte Gorm und stieß auf das Thulbatal an, in dem es friedlicher zuging.

Im weiteren Verlauf wurde weniger gesprochen, dafür umso mehr getrunken. Schwankend näherten sich Hlod und Berir dem Tisch, an dem die bedeutenden Leute saßen. Sie hatten stark gezecht und konnten sich kaum auf den Beinen halten. Heremon wich vor Hlods übel riechendem Atem zurück. Da er es sich jedoch mit den Waldleuten nicht verderben wollte, tat er freundlich und fragte: "Was gibt es?"
"Ich ..., nein wir ...", stotterte der Waldmann. "Also Berir und ich standen am Waldrand und sahen etwas, das heißt, wir sahen es nicht, nur seinen Schatten."
"Wie, ihr saht etwas und saht es doch nicht?" Widia lachte laut auf.
"Ich bemerkte ihn zuerst. Am Ausgang des Hornbachtals lauerte er hinter einem Brombeergebüsch", unterbrach Berir Hlod.
"Sie sahen einen Schatten, nur einen dunklen Schatten hinter einem Gebüsch", spottete Widia.
Hlod warf ihm einen bösen Blick zu, ließ sich aber nicht beirren: "Aus dem Wald kamen Raben."
Ungeduldig fuhr Berir ihm über den Mund: "Die Schattengestalt tötete sechs Reiter!"
Schlagartig verstummten die Gespräche am Tisch.
Nachdem Berir den ihm gereichten Becher in einem Zug geleert und vernehmlich gerülpst hatte, begann er von dem Überfall zu erzählen. Er fing mit den Raben an und endete bei den Wölfen, vor denen sie geflüchtet waren. Während er über die Schattengestalt nichts weiter zu sagen wusste, beschrieb er das Aussehen der Reiter in allen Einzelheiten, verschwieg aber ihren wertvollen Schmuck und die Waffen. Zum Schluss zeigte er das Runenholz vor. Aber obwohl es von allen Seiten betrachtet und gründlich untersucht wurde, konnte niemand etwas damit anfangen. Keiner erkannte in dem senkrechten Balken mit dem nach unten geneigten Querstrich das alte Runenschriftzeichen für Not und Gefahr. Heremon, der es als letzter in der Hand hielt, meinte, die Kratzer stammten nicht von Menschenhand, sondern seien auf natürliche Weise entstanden, und ließ das Holzstück achtlos fallen. Alewild, die noch immer in der Nähe weilte, hob es rasch auf, um es Unn zu zeigen.
"Wer waren diese Reiter? Woher kamen sie und wohin wollten sie? Wurden sie beraubt?" Heremon sah sich fragend um.
Er erhielt keine Antwort. Die mit der eingestickten Rose versehene Kleidung und der seitliche Haarknoten waren hierzulande unbekannt. Auch mit der bruchstückhaften Botschaft konnte man nichts anfangen. Dann wandte man sich der Schattengestalt zu, aber die Schilderung der Waldmänner war insoweit wenig ergiebig. Anspero Bärenhaupt meinte, es könnte ein großer Bär gewesen sein. Er hatte einmal mit einem gekämpft und wusste, wie stark dieser zuschlagen konnte. Wudga blickte grimmig von einem zum anderen, ließ die Faust krachend auf den Tisch fallen und machte Räubergesindel verantwortlich. Dem widersprach sein Sohn Widia, denn diese hätten die wertvollen Pferde nicht getötet. Auch hatten die Waldbauern nur von einem großen Schatten und nicht von mehreren gesprochen. Für Beorn stand fest, dass es Raubtiere gewesen waren. Nur die scharfen Reißzähne der Wölfe hätten solche Wunden reißen können, wie sie be¬schrieben worden waren. Garulfs Vater pflichtete ihm bei und erinnerte an den Vorfall auf der Schafweide, wo Grauwölfe in einer Nacht über dreißig Schafe gerissen hätten. Aber auch diese Erklärung befriedigte nicht, denn die Wölfe waren erst nach dem Überfall gesehen worden. Auch war der Mensch nicht die Beute, die sie zu jagen pflegten. Vielmehr mieden sie ihn und wagten sich nur in der größten Not in die Nähe der Dörfer. Außerdem hätten sich sechs ausgewachsene Männer, zumal beritten, ihrer erwehren können.
Zum Schluss kam man auf die Waldgeister und Baumtrolle zu sprechen. Ihnen traute man diese schreckliche Tat am ehesten zu. Ihr Zorn musste ganz außergewöhnlich gewesen sein, dass sie mit dieser furchtbaren Wut zugeschlagen hatten. Es wechselte Rede mit Gegenrede, bis Raning laut zu lachen anfing. Er kannte Hlod und Berir, von denen man sich erzählte, dass sie nicht nur einmal im Ziegenstall geschlafen hätten, weil sie, berauscht vom vielen Bier, das Bett nicht gefunden hätten. Der Suff habe ihnen die ganze Geschichte eingegeben und nichts daran sei wahr. Beweise gebe es jedenfalls keine.
Verlegen schauten sich die beiden an. Als sie das Brombeergebüsch noch einmal aufgesucht hatten, um die restlichen Waffen zu holen, waren die Leichen der Reiter und ihrer Pferde auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Den Schmuck und die Schwerter der Reiter wollten sie nicht vorzeigen, da sie sie für sich behalten und später eintauschen wollten. Die Bauern sahen sich grinsend an und setzten das Gelage fort.

Bis spät in die Nacht hinein hockten die Männer auf den Bänken. Jeder Vorwand musste herhalten, den Becher zu füllen. Der Met vertrieb die trüben Gedanken und Sorgen und half ihnen, die Last der Arbeit besser zu ertragen. Sie fanden zueinander und vergaßen allen Streit, auch wenn er tief saß oder lang zurücklag. Man war sich wieder gut, umarmte sich und schlug sich kräftig auf die Schultern. Nach und nach wurden die Reden lebhafter und die Späße derber. Manch anzüglicher Scherz kam auf und löste wieherndes Gelächter aus. Wieder und wieder erhoben sie die Becher, tranken aber mehr auf Heremons Wohl, denn auf Gorms Gastfreundschaft. Mit der Zeit missfielen diesem die Trinksprüche. Durch den vielen Met in Hochstimmung versetzt schlug er, der er ein leidenschaftlicher Spieler war, ein Würfelspiel vor, um durch einen Sieg über Heremon die Achtung der Leute zu erringen.
Dieser war einverstanden, denn ein Gewinn kam seinen Plänen entgegen und würde sein Ansehen bei den Bauern erhöhen. "Versuchen wir unser Glück, Pferdegorm!", sagte er deshalb.
"Möge mir Odin, der alte Zauberer, beistehen", rief dieser und hob den Metbecher.
"Sprich nicht so von Allvater", unterbrach ihn eine schrille Stimme. Aus dem Dunkel tauchte eine alte Frau auf. Sie war in einen blauen Umhang gehüllt und drohte Gorm zornig mit dem Stock.
"Die Moorwurzel!", stieß dieser überrascht aus.
"Ihr gottloses Volk", zeterte die Alte. "Entweiht seinen Namen beim Spiel. Er wird euch diese Läste-rung übel vergelten."
Heremon sah den Pferdegorm fragend an.
"Kümmere dich nicht um sie. Sie ist nicht ganz richtig im Kopf."
"Mein Verstand ist klarer als der eure. Wisst ihr, an welchem Ort ihr sitzt und trinkt", rief sie.
"Unter unserer alten Linde. Sie bietet einen schönen Sitzplatz mit einem Dach über dem Kopf, unter dem es sich gut trinken, singen und lustig sein lässt." Gorm lachte und deutete mit der Hand nach oben. Durch diese Bewegung verlor er das Gleichgewicht und kippte hintenüber.
"Mehr weißt du nicht?"
"Ihre Blüten duften süß und betörend. Die Blätter sind herzförmig und auch ihre Krone erinnert an ein Herz mit der Spitze nach oben, so dass man sie bei uns den Baum der Liebe nennt", antwortete Heremon an Gorms Stelle.
"Liebe?", wiederholte Unn spöttisch. "Der Baum der Liebe und des Glücks ist die Buche. In ihren Stamm können Liebende Zeichen und Herzen zum ewigen Andenken schnitzen, denn die Rinde ist glatt und erreicht ein höheres Alter als die Menschen. Die Linde ist heilig und Odins Gemahlin Frigg geweiht. Die Göttin hat ihr besondere Kräfte verliehen. Weil sie kein Blitzstrahl zu treffen wagt und sie diesen Schutz auf die ganze Siedlung auszudehnen wünschten, wurde sie früher von den Bewohnern ganz bewusst auf dem höchsten Punkt des Dorfes gepflanzt. Von alters her ist kein Dorf, kein Weiler ohne die Linde. Ihr solltet das wissen und dem Ort die nötige Ehrerbietung erweisen."
"Sie schützt sie vor Regen und Unwetter", brummte Gorm, der sich inzwischen aufgerappelt hatte. "Unter ihrem Blätterdach wird gespielt, gefeiert und geheiratet."
Unn trat dicht an den Tisch heran. "Nur Vergnügen und Saufen habt ihr im Sinn. Die Linde war Treffpunkt und Mittelpunkt in allen Angelegenheiten der Gemeinschaft. In aller Offenheit und unter aller Augen versammelte man sich unter ihren Ästen, um zu beraten und zu entscheiden. Zwei Mal im Jahr wurde Gericht gehalten, denn der Baum hatte die Macht, die reine Wahrheit ans Licht zu bringen und gerechte Urteile zu bewirken. Aber sie war nicht nur ein Baum des Rechts, sondern unter ihrer Krone feierte man auch den Gottesdienst und ehrte die Götter."
"Fängst du schon wieder mit den alten Geschichten an?", unterbrach Gorm sie.
"Man dankte ihnen für erwiesene Wohltaten und erflehte Schutz vor Feinden und Gefahr. Die Linde in Endel war eine heilige Stätte. In weitem Umkreis gab es keine bedeutendere."
"Genug! Immer wieder kehrst du längst Vergangenes hervor."
"Ich warne euch. Raben sind im Tal und verheißen wenig Gutes."
"Verschone uns mit deinem Gerede."
"Auf dem Ahorn hocken sie und künden den Tod. Besser wäre es, sich mit den Göttern gut zu stellen."
"Jetzt reicht es!", schrie Gorm ärgerlich und schleuderte einen Becher nach ihr. Sie wich dem Wurf geschickt aus und verließ schimpfend das Dorf.
"Es ist schlimmer, ein böses Weib zu reizen, als einen bissigen Hund", bemerkte einer der Männer.
"Steht sie nicht in dem Ruf, eine Zauberin zu sein und die Geistergesichtigkeit zu besitzen?", erkundigte sich Beorn.
"Sie wohnt am Tannenmoorsee und hat dort Umgang mit den Moorgeistern", antwortete Gorm. "Bei uns heißt sie die alte Spinnerin, denn mit ihrer Kunst ist es nicht weit her. Als im Tal einmal große Dürre herrschte, versuchte sie sich im Wettermachen. Hierzu bestimmte sie eine Anzahl Jungfrauen aus dem Dorf. Diese wählten ein kleines Mädchen als Führerin, zogen es nackt aus und geleiteten es an einen Ort, an dem das Bilsenkraut wächst. Das Mädchen musste es mit dem kleinen Finger der rechten Hand herausziehen, und zwar mit der Wurzel, und es sich mit einem Faden an die kleine Zehe des rechten Fußes binden. Darauf wurde es von den anderen an eine Quelle geleitet, in das Wasser gestellt und mit Eichenzweigen bespritzt. Sodann führten sie das immer noch nackte Mädchen an den Händen in das Dorf zurück, wobei es rückwärtsgehen musste. Aber obwohl Unn beteuerte, die Anweisungen für Regenzauber genauestens befolgt zu haben, erschien nicht eine Wolke am Himmel."
Auf den Gesichtern der Männer zeigte sich Schadenfreude.
"Tage später zog ein Unwetter auf", beendete Gorm die Geschichte. "Der Hagel vernichtete einen Großteil der Ernte. Man schob ihr die Schuld zu, weil man meinte, sie hätte ihn aus Enttäuschung über ihr Misslingen gekocht."

Die Männer nickten, füllten die Becher und forderten ungeduldig den Beginn der Wette. Viggi brachte die Würfel und ein Stück Holzkohle und zog auf dem Tisch einen Kreis. Nachdem sich hinter den Spielern je drei Zeugen aufgestellt hatten, die darauf achten sollten, dass keiner betrüge, verständigten sie sich darauf, dass Heremon mit dem Würfeln beginnen sollte. "Dein Einsatz?", forderte Gorm mit schwerer Zunge.
"Meinen Mantel", bot Heremon an und fügte, nachdem er die Würfel eine Zeitlang geschüttelt hatte, hinzu: "Und das Pferd, das ich reite."
Gorm lachte. "Pferde habe ich genug!" Plötzlich schoss ein Gedanke durch sein vernebeltes Hirn. Er sah sich schlagartig reich werden. "Ich wette alles, was du besitzt", stieß er aus.
So etwas Dreistes war Heremon noch nicht untergekommen. Das durfte er sich nicht bieten lassen. Er musste den Bauern zeigen, wer hier der Herr war. Er klatschte sich mit den Händen auf die dicken Schenkel und rief: "Was setzt du dagegen?"
"Den Brandhof wette ich, mit Hab und Gut, Knecht, Magd und allem Vieh."
"Gorm!", schrie Goda auf. Ihr Gesicht hatte alle Farbe verloren.
Er starrte sie aus glasigen Augen an. "Das Spiel ist Männersache."
Heremon nickte beifällig, aber Gorms Angebot war ihm zu gering.
Wie durch einen Schleier tauchte Heremons Halle vor Gorms Augen auf. Bald würde er auf dem Hochstuhl sitzen. Sein Blick glitt über seine Söhne. "Nimm mich und die dazu", erhöhte er den Einsatz.
"Bist du von Sinnen!" Goda schlug die Hände vor das Gesicht. Sie ahnte nicht nur, nein, sie wusste was geschehen würde. Hrudda war auf ihrem Grund gestürzt.
Heremon wog das Angebot ab. Gorms Söhne sahen kräftig aus und konnten bei ihm gut als Knechte gehen. "Die Wette gilt."

Empört über die schlechte Behandlung, die Unn erfahren hatte, war Alewild ihr hinterher gelaufen. Sie war noch nicht weit gekommen, als sie von mehreren Männern, die um ein Feuer saßen, aufgehalten wurde. "Was willst du hier", wurde sie mit schwerer Zunge begrüßt. "Was wird sie schon mögen", rief einer von ihnen und machte eine eindeutige Handbewegung vor der Hose. "Sie ist kein Kind mehr und möchte, was wir alle wollen", sagte ein anderer. "Warum läuft die Kuh zum Stier?", grölte ein dritter und öffnete seine Hose. Der, der ihr am nächsten lag, griff nach ihrem Rock, hob ihn hoch und verkündete lüstern: "Die Ansicht ist gut. Ins Gras mit ihr, damit wir unseren Spaß haben." Alewild wich zurück. Als einer mit heruntergelassener Hose auf sie zukam, schrie sie auf. Der Mann stolperte über seine eigenen Beinkleider und fiel der Länge nach hin. Die anderen fluchten und machten Anstalten, sie zu ergreifen. Sie drehte den Männern eine Nase und entwich in das Nachtdunkel.

Sie holte Unn in der Nähe der Thulba ein. Laut vor sich hin brabbelnd schlurfte diese das Tal hinauf. Als Alewild sie anrief, drehte sie sich unwillig um.
"Man hat dich aus dem Dorf gejagt", stieß Alewild atemlos aus.
"Stur und dumm sind die Bauern. Die Folgen haben sie sich selbst zuzuschreiben."
"Wie meinst du das?"
"Sie haben die Götter erzürnt."
"Hrudda wurde geehrt und im Aufzug über die Felder geführt."
"Sie ist eine unbedeutende Talgöttin und sorgt nur für satte Bäuche. Vor dem, was ich befürchte, kann sie nicht schützen."
"Sie stürzte auf unserer Weide."
"Das bedeutet Unglück und schlechtes Gelingen." Unn hob den Stock und stippte Alewild damit leicht an. "Wölfe sind im Tal", warnte sie. "Wie ich hörte, haben sie unter den Schafen ein Blutbad angerichtet. Lynn hat auch Raben beobachtet. Die Unheilsboten haben sich den abgestorbenen Ahorn als Sitz ausgesucht."
"Scharen dieser Vögel haben Hlod und Berir bei den toten Reitern gesehen, später auch Wölfe", berichtete Alewild und gab das wieder, was sie von dem Überfall gehört hatte. "Einer der Fremden hatte Berir das hier gegeben", schloss sie und überreichte Unn das Runenholz.
Trotz der Dunkelheit konnte sie sehen, wie diese erbleichte. "Das ist Naudar, die Rune der Not. Sie wird nur in Zeiten äußerster Gefahr verwendet", stammelte die Alte. "Jetzt erscheinen die vielen Raben und Wölfe, die man lange nicht gesehen hat, sowie diese merkwürdige Schattengestalt in einem ganz anderen Licht."

Nach diesen Worten winkte sie Lynn, die in der Nähe gewartet hatte, und setzte den Weg zu ihrer Hütte fort. Alewild blieb verstört zurück. Was hatte es mit den Wölfen und Raben auf sich? Welche Gefahr meinte Unn? Der Ruf eines Waldkäuzchens ließ sie zusammenfahren. Aus dem Ufergesträuch stieg Nebel auf und vermengte sich mit dem Dunst über dem Wasser. Wie gebannt starrte sie auf die ineinander fließenden Schleier. Der Nachtvogel schrie ein zweites Mal. Diesmal klang es, als ob das Tier in Not wäre. Der Nebel riss auf und gab den Blick auf ein grauenhaftes, mit Schlangenhaar bedecktes Untier frei. Es hockte am Ufer und starrte sie bösartig an. Seinem Schlund entstieg ein drohendes Knurren. Dolchartige Reißzähne blitzten auf. Es spannte die mächtigen Sehnen und begann, langsam auf sie zuzukriechen. Verlangend streckte es die Arme nach ihr aus. Ihr blieb vor Schreck fast das Herz stehen. Schreie, schrill und voller Angst, erfüllten die Luft. Als sie bemerkte, dass sie von den eigenen Lippen kamen, erwachte sie aus ihrer Erstarrung und rannte so schnell sie konnte davon.

In Endel war das Gelage noch in vollem Gang und die Männer lärmten und grölten lauter denn je. Gorm hatte sich über den Tisch gebeugt und den Kopf in den Händen vergraben. Goda stand hinter ihm. Ihr Gesicht war weiß wie ein Tuch. Die Wette war entschieden und Alewild wusste, wer verloren hatte. Eine Laune ihres Vaters hatte den Berghof und den gesamten Besitz verspielt. Aber er besaß die Macht, über Hab und Gut sowie das Leben seiner Kinder zu verfügen. Er und seine Söhne mussten nun Zeit ihres Lebens Knechtdienste leisten.
Sie schluckte und konnte die Tränen nicht zurückhalten. Auf einmal hasste sie die Menschen, die dort am Tisch saßen, und nicht daran dachten, welches Leid man ihr und ihrer Familie zugefügt hatte. Bei dem Gedanken an die Familie wurde ihr schwer um das Herz. Zerstört war sie und würde nie wieder zusammen finden. Aber die Männer tranken und lachten, als ob nichts gewesen wäre, und ließen Heremon ein um das andere Mal hochleben. Alewild wollte allein sein und zog sich zu der Weißbirke hinter dem Berghof zurück. Leise schnaubend wurde sie von Alswinn begrüßt. Der Rappschimmel schnupperte und stupste sie immer wieder mit den weichen Lippen an. Sie schmiegte sich an seinen warmen Leib des und legte die Arme um seinen Hals. Erst spät in dieser Nacht fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

**

  1. Gansreiten

Am nächsten Morgen saßen einige Männer noch immer, andere schon wieder auf den Bänken und schöpften aus dem frisch aufgefüllten Bierfass. Der Ausgang der Wette hatte sich herumgesprochen und die Gemüter erregt. Als die Leute vom Berghof herunterkamen, wurde Heremon vor allen anderen begrüßt. Die Bauern dachten, dass man sich mit diesem Mann gut stellen müsse, und ließen ihn ein um das andere Mal hochleben. Das traf den Pferdegorm hart. Er hatte viel gewagt, aber alles verloren. So war es abgemacht und durch Zeugen bestätigt.
Er fuhr sich mit der Hand mehrmals über den kahlen Schädel und spuckte weiter aus als sonst. Dabei fiel sein Blick auf Hrudda, die frisch geputzt auf dem Wagen stand. Das abgeschlagene Stück Holz fehlte noch immer. Ihre Augen waren unverwandt auf ihn gerichtet. Er meinte sogar so etwas wie Spott zu erkennen. Verwünschter Holzklotz, dachte er, denn der Ausgang der Wette war nur ihr zu verdanken. Oder war es die Rache der verärgerten Moorwurzel gewesen? Er setzte sich auf die Bank und stützte den Kopf in beide Hände. Den Gedanken, dass erzürnte Götter die Hand im Spiel gehabt haben könnten, verwarf er sofort wieder.
Lange Zeit saß er so und dachte nach, kam aber zu keinem Ergebnis. Heremon hatte auf der Erfüllung der Wette bestanden. Er war jetzt sein Knecht und sollte den Berghof auflösen und die Pferde nach Veen treiben. Für Goda und die Kinder war gesorgt. Noch spät in der Nacht hatte er mit ihrem Bruder Folcard gesprochen. Dieser hatte sich bereit erklärt, ihnen in Hornbach Unterkommen zu gewähren. Schwerfällig erhob er sich, warf einen letzten, unfreundlichen Blick auf Hrudda und humpelte dann zu dem Bierfass.

Alewild stand mit hängendem Kopf am Rand des Dorfplatzes. Sie hatte schlecht geschlafen und die Augen standen feucht vor Tränen. Alles was sie liebte, war ihr genommen worden. Nie mehr könnte sie mit ihrem Vater zu den Pferden gehen und wer weiß, ob sie ihre Brüder wiedersehen würde. Lauter Hufschlag riss sie aus ihren schwermütigen Gedanken. Etwa ein Dutzend Pferde wurde in eine kurz zuvor errichtete Koppel getrieben. Das Gansreiten begann! Das Reiten auf ungezähmten Pferden ohne Sattel und Zaumzeug liebte sie über alles, erforderte es doch gleichermaßen Mut wie Geschicklichkeit. Sie ballte trotzig die Faust. Sie würde sich durch die Wette nicht unterkriegen lassen.

Als sich der Dorfplatz gefüllt hatte, brachte ein Knecht einen Holzeimer, in dessen Boden ein Loch ge¬schlagen worden war. Von oben steckte er eine Gans hinein, so dass Hals und Kopf unten herausschauten. Der Eimer wurde hochgezogen und an einem freistehenden Ast der Linde angebunden. Unruhig stampfte das Pferd des ersten Reiters mit den Hufen. Die Last auf seinem Rücken war es nicht gewohnt. Noch im Stehen bleckte es die Zähne, warf den Kopf hin und her und versuchte den Reiter durch Bocken abzuwerfen. Als es auf ein Zeichen hin frei gelassen wurde, galoppierte es in wilden Sprüngen über den Platz. Doch nach zwei, drei Sätzen blieb es unvermittelt stehen, stieg hoch, kam wieder herunter und schlug mit der Hinterhand aus. Der Reiter flog in hohem Bogen in das Gras. Die Zuschauer lachten. So wollten sie es haben.
Der nächste Reiter hielt sich etwas länger, lag aber, noch bevor er in der Nähe des Baums kam, ebenfalls auf dem Boden. Ein weiterer erreichte immerhin den Ast. Als er versuchte, mit einer Hand nach dem zappelnden Gänsehals zu greifen, verlor er das Gleichgewicht und stürzte. So hart war der Fall, dass man ihn forttragen musste. Den Folgenden erging es nicht besser. Immer wenn sie sich unter dem Gänsehals aufrichteten, rutschten sie vom Pferderücken herunter.
Dann kam die Reihe an Garulf. Mit der Linken griff er in die Mähne und wand sie sich fest um die Faust. In hohen Sprüngen raste das Pferd über den Platz. Unter dem Baum reckte er sich auf und griff zu. In ihrer Todesangst biss ihn die Gans in den Arm. Der Schmerz lenkte ihn ab, er schwankte und stürzte. Über ihm baumelte schnatternd die Gans. Die Menge jauchzte. So kurz vor dem Ziel hatte er gefehlt!
Alewild war die nächste. Sie tätschelte den Hals des Pferdes und sprach ihm gut zu. Das schuf Vertrauen und beruhigte das Tier. Mit zitternden Flanken stand es und wartete gespannt, was sie tun würde. Alewild ließ es behutsam vorwärts gehen. Die wilden Bewegungen glich sie geschickt mit dem Körper aus. Kurz vor dem Ast schnellte ihre Hand hoch, griff nach dem Gänsekopf und riss ihn mit einem einzigen Ruck ab. Stolz schwenkte sie ihn über dem Kopf. Die Leute tobten vor Begeisterung. Eine neue Gans wurde gebracht und in den Eimer gesteckt. Als letzter Reiter saß Widia auf. Er zwang das Ross mit unwiderstehlicher Gewalt unter den Baum, drehte den Gänsehals mit einem knirschenden Geräusch ab und warf ihn den Zuschauern verächtlich vor die Füße.

Noch während Alewild überlegte, was sie mit dem Gänsehals anfangen sollte, hörte sie hinter sich ein Pol¬tern und Donnern. Der Boden begann zu beben und zu dröhnen. Dann vernahm sie ein lautes Schnauben, das sich schnell näherte. Erschrocken fuhr sie herum. Mit vorgestreckten Köpfen und aufgerissenen, schäumenden Mäulern rasten große Pferde auf sie zu. Dröhnend hallte ihr Hufschlag, Grasbüschel flogen durch die Luft. Hoch zu Ross und selbst von riesenhafter Größe, gekleidet in Felle und schwer gegürtet, preschten mehrere Reiter heran. In ihren Gesichtern lag ein harter Ausdruck. Nur durch einen Sprung entging sie den wirbelnden Hufen.
"Was glotzt du wie eine Kuh, anstatt aus dem Weg zu gehen", fuhr der Anführer der Reiter sie an.
Statt einer Antwort schleuderte sie ihm den Gänsehals ins Gesicht.
Der Reiter zuckte zurück und wischte sich das Blut ab. Dass ihm statt der Begrüßung totes Fleisch ins Gesicht flog, hatte er nicht erwartet. Diese Schmach durfte er nicht auf sich sitzen lassen. Er ließ das Pferd vorgehen. Im letzten Moment wurde Alewild von der Hand ihres Vaters gepackt und fortgerissen.
"Wo steckt diese dreckige Bauerngöre?", schrie der Reiter die Bauern an.
Statt einer Antwort stellten sie sich schützend vor das junge Mädchen.
"Wir kamen in friedlicher Absicht, aber nach dieser Beleidigung ist das vorbei. Wo ist der Pferdegorm?", herrschte der Anführer sie an.
Der Pferdezüchter deutete mit der Hand auf sich.
"Zeig uns deine Pferde und beeil dich. Viel Zeit haben wir nicht."
"Mit Leuten eurer Art wollen wir nichts zu tun haben", lehnte dieser ab.
Ohne darauf einzugehen fuhr der Reiter fort: "Drei Jahre alt, kräftig und gut zugeritten sollen sie sein."
Der Pferdegorm blieb bei seiner Weigerung, selbst als ihm schmerzlich bewusst wurde, dass die Tiere nicht mehr ihm, sondern Heremon gehörten.
Der Reiter betrachtete ihn von oben herab. "Ein aufsässiger Bauer", rief er dann, zog die Zügel an und ritt den großen Mann um. Rasch sprangen die Bauern herbei. Während Raning und Skartha das Pferd festhielten, riss Anspero Bärenhaupt den Reiter vom Pferd. Aber schon rückten dessen Gefährten vor. Vor den drohend erhobenen Speeren mussten die Bauern weichen.
Nur Anspero Bärenhaupt blieb stehen. Er reckte sich zu voller Größe auf, wölbte die Brust hervor und drohte: "Noch einen Schritt und ich zerschlage euch die Knochen!"
Der zu Boden geworfene Reiter sprang auf. Zorn blitzte in seinen Augen. Auch er war hochgewachsen und überaus kräftig. Die dichten Augenbrauen, die eng stehenden Augen und der ungepflegte Bart verliehen ihm das Aussehen eines streitsüchtigen Mannes, das durch eine über das Gesicht laufende, jetzt rot glühende Narbe verstärkt wurde. Sein Schwert ziehend gab er hämisch zurück: "Schlag zu, aber vorher spaltet dir dieses Eisen den dummen Bauernschädel!"
"Wie eine Fliege zerdrücke ich dich!"
"Für mich bist du ein Stück Dreck, ein mieses, verlaustes Stück Bauerndreck!"
"Genug!", rief Heremon und trat zwischen sie. "In diesem Dorf herrscht Festfrieden."
"Sie geben ein Fest und haben ihre besten Freunde nicht eingeladen", höhnte einer der Reiter.
Der Anführer fuhr Heremon an: "Wer bist du, dass du dich einmischst?"
"Es ist Brauch, dass der Ankommende zuerst den Namen sagt."
"Du kennst mich nicht und fragst wer wir sind? Man nennt mich Ruthar, Ruthar den Finsteren. Neben mir siehst du Frosti Galgenarm. Die anderen Namen brauchst du nicht zu wissen."
"Woher kommt ihr?"
"Von der Mersiburg, auf der Morso der Stolze über das Volk der Marsen gebietet."
Heremon hatte von ihnen gehört. Sie fragten nicht lange, sondern nahmen sich, was sie brauchten, notfalls mit Gewalt. Ihr Anführer Morso war ein berüchtigter Krieger. Er hatte sich ganze Volksstämme unterworfen und schatzpflichtig gemacht hatte. Er war zu mächtig, ihn zum Feind zu haben. Heremon durfte ihm keinen Vorwand bieten, Krieg zu führen. Deshalb lenkte er ein: "Ich bin Heremon, Herr auf Heorot."
"Der Möchtegernkönig aus Veen!"
Unter den Umstehenden erhob sich ein Murren.
"Ruhig, Bauernvolk", herrschte Ruthar sie an. "Meine Worte galten dem Dicken mit dem Kalbskopf." Heremon wurde weiß im Gesicht. Mühsam rang er nach Beherrschung. Doch dann senkte er den Kopf und trat einen Schritt zurück. Ihm war klar, dass der Marse wegen der erlittenen Kränkung nur darauf wartete, auf die Bauern einzuschlagen.
Gorm wusste, dass er jetzt handeln musste. Heremon war ihr Gast und niemand verletzte seine Ehre ungestraft auf ihrem Boden. Das unantastbare Gastrecht forderte die Vergeltung, selbst wenn es das Leben kostete. Er sah sich um. Die Bauern standen zum Kampf bereit. Doch als er sah, wie Heremon nachgab und zurückwich, ließ er den schon zum Schlag erhobenen Stock sinken. Hatte dieser keine Ehre im Leib? Sollte er sein Leben für einen Feigling wagen?
Heremon tat, als ob nichts gewesen wäre, und rief den Reitern zu: "Steigt ab. Gorm wird euch die Pferde zeigen."
Dieser zuckte die Schultern, drehte sich um und führte die Marsen, die inzwischen grinsend vom Pferd gesprungen waren, widerwillig zu der Pferdekoppel. Er schritt, soweit es das steife Bein zuließ, weit aus, denn er wollte mit ihnen so wenig wie möglich zu tun haben. Indem er absichtlich Schlechtes über die Pferde erzählte, erreichte er, dass sie von einem Erwerb absahen und übelgelaunt zum Dorfplatz zurückkehrten.
"Euer Hinkefuß ist seinen Ruf nicht wert", lästerte Frosti Galgenarm.
"So seid ihr umsonst gekommen", gab Garulfs Vater zurück.
"Wir fordern Speise und Trank, wie es Reisenden gegenüber Brauch ist."
"Dieser Ehre habt ihr euch nicht würdig erwiesen", lehnte Gorm ab und schlug dabei mit dem Stock kräftig auf den Boden, das es krachte.
Ruthar trat dicht an ihn heran und blies ihm seinen üblen Atem ins Gesicht: "Wie eine Fliege blase ich dich vom Erdboden weg!" Dann wandte er sich an seine Begleiter: "Wenn man den Bauern bittet, schwillt ihm der Kopf."
Die Lage entspannte sich erst, als die Marsen am Essen teilnehmen durften. Aber die Ruhe währte nicht lange, denn sie hatten einen schlechten Sitz zugewiesen bekommen. Ihnen gefiel das wenig und sie redeten abfällig über die Gastgeber. Nachdem er den Becher zum wiederholten Mal geleert hatte, erhob sich Ruthar und rief mit schwerer Zunge den Tisch hinauf: "Wie Knechte sitzen wir am Ende der Bank. Wenig Achtung bringt man uns entgegen."
"Der Ehrenplatz ist unserem Gast, dem Fürsten aus Heorot, vorbehalten." Ohne es zu wollen hatte Gorm ihn Fürst genannt.
"Von seinen Taten habe ich nie gehört. Schaut ihn an, euren Fürsten", lästerte Ruthar und entblößte seine gelben Zähne. "In feines Gewand gehüllt sitzt er träge auf der Bank. Weit über dem Gürtel hängt ihm der Bauch."
Wieder sah Heremon Streit aufflammen und wieder galt es, ihn zu verhindern. Er zwang sich zur Ruhe und gab beherrscht zurück: "Recht hast du, den man dich zutreffend den Finsteren nennt. Geachtet bin ich, weil ich für Frieden sorge."
"Wenig rühmlich ist dies für einen Fürsten. Durch Kühnheit sollte er sich auszeichnen und das Schwert zu führen wissen."
"Wir kommen auch ohne Waffen aus."
Die Marsen brachen in ein schallendes Gelächter aus. Nach dem Essen begannen die Wettspiele. Dem Sprung über die Pferde, bei dem sich der jüngere Schmiedesohn Wielet hervortat, folgte das Steinstoßen. Wielets Bruder Widia ließ die Steinkugel am weitesten fliegen. Die Marsen sahen gelangweilt zu und machten sich über die Talbewohner weiter lustig. Sie seien plump und grob, und unverständlich ihre Späße. Diese Schmähung wollte der Schmied Wudga nicht länger hinnehmen, weshalb er behauptete, keiner der Marsen könne den Stein weiter werfen als sein Sohn. Ruthar sah ihn verächtlich an, nahm den Stein, wog ihn abschätzend in der Hand und schleuderte ihn mit einem derben Fluch fort. Einen Fußbreit hinter Widias Wurf bohrte er sich in den Rasen. Ein Raunen lief durch die Zuschauer. Da trat Anspero Bärenhaupt vor, holte sich das Felsstück, reckte die Glieder und sammelte seine gesamte Kraft, dass die Adern an Hals und Schläfen fingerdick anschwollen. Mit einem tierischen Schrei wuchtete er es durch die Luft. Es übertraf Ruthars Wurf um eine Armlänge.
Dieser betrachtete erst ungläubig den Abdruck, dann Anspero Bärenhaupt und schließlich die Bauern. Überall sah er schadenfrohe Gesichter. Als seine Begleiter ebenfalls zu grinsen begannen, stieg die Wut in ihm hoch. Erst der blutige Gänsehals, jetzt die Niederlage; das war zu viel für ihn. "Wo ist diese rothaarige Göre!", brüllte er. Er riss den Mund auf und zog das Schwert. Als er keine Antwort erhielt, schwang er es durch die Luft und ließ es pfeifend auf die Tischplatte niederfahren. Das Holz splitterte, Becher und Schüsseln rollten zu Boden. Der Versuch seiner Leute, ihn zurückzuhalten, steigerte seinen Zorn nur noch mehr. Er sprang auf den Tisch und fuchtelte mit der Waffe wild herum. Alles wich vor dem Tobenden zurück. In dem Durcheinander kam Heremon zu Fall. Das Schwert fuhr ihm in das Bein und schnitt eine tiefe Wunde. Blut spritzte und färbte Tisch und Bänke rot. Rasch wurde er fort gerissen und außer Reichweite gebracht. Ruthar beruhigte sich erst, als alle Bauern den Dorfplatz verlassen hatten. Nachdem er sich mit wild rollenden Augen umgeblickt hatte, wischte er das Schwert in dem Gras ab und schob es in die Scheide zurück. Danach trat er an das Bierfass und schenkte sich ein. Erst als der Morgen graute und das Fass geleert war, verließen die Marsen das Tal.

Alewild kamen die Reiter wie Wesen aus einer anderen Welt vor. Gewalttätigkeiten wie diese hatte sie noch nicht erlebt. Überhaupt war ihre kleine heile Welt gehörig durcheinander geraten. Mit Hruddas Sturz hatte es begonnen, dann folgte die unselige Wette und zum Schluss waren die Marsen wie ein Gewitter über das Tal hereingebrochen. War das die Rache der Götter, die man verspottet, oder das Unheil, von dem Unn gesprochen hatte? Nachts auf dem Strohlager fiel sie in einen unruhigen Schlaf. Ihr träumte, dass sie von den Reitern über die Thulba gejagt wurde. Im Dunkelwald erwachten die Bäume zu schlimmem Leben. Die Stämme verzogen sich zu Fratzen und die Äste verwandelten sich in knotige Arme. Schreiend rannte sie zurück. Die Reiter waren verschwunden, aber die Baumgeister folgten ihr mit Knarren und Rauschen. Sie suchten in den Häusern nach ihr und brannten, als sie sie nicht finden konnten, das Dorf nieder. Sie schaffte es, in das obere Talende zu flüchten. Als sie mit klopfendem Herzen am Tannenmoorsee ankam, vernahm sie hinter dem Schilfgürtel eigenartige Töne. Erst als der Wind die Stängel zur Seite gebogen hatte, sah sie zwischen Seerosen und schwimmenden Moosen den gespensterhaften Zug: Gesichter, unzählige Gesichter, fahl und verschwommen unter der schwarzbraunen Wasseroberfläche. Die Geister der Gerichteten! Voller Grausen dachte sie an die vielen Leichen, die im Moor versenkt worden waren. Jetzt trieben sie mit aufgedunsenen Gesichtern und aufgelösten Haaren auf sie zu. Voran der bleiche Kopf einer schönen Frau. Aus leeren Augenhöhlen starrte sie sie an, winkte ihr mit der knöchernen Hand und begann ihre Lippen zu bewegen. Sie sang eine Weise, die sich gleichermaßen schaurig wie verführerisch anhörte. Alewild konnte sich den lockenden Rufen nicht entziehen und setzte schon den ersten Fuß in das Moor, als sie scheißgebadet erwachte.

Heremons Verletzung war schlimmer als erwartet. Der Rost der Waffe hatte die Wunde entzündet. Trotz großer Schmerzen lehnte er eine Behandlung durch Unn ab. Vielmehr bestanden er und seine Leute auf einer schnellen Abreise. Trotz der gewonnen Wette verfluchte er das Dorf. Es hatte ihm nur Unglück gebracht. Auch war sein Plan, Ansehen und Ehre bei den Bauern zu gewinnen, gescheitert. Gebettet auf eine Trage verließ er wortlos Endel.

Der Pferdezüchter sah ihm mit unbewegtem Gesicht nach. "Gedemütigt wurden wir", murmelte er und knirschte dabei mit den Zähnen. "Von nun an müssen wir mit dem Makel der Feigheit leben."
"Vielleicht hatte Heremon recht", ließ Goda sich vernehmen. "Bauernfäuste gegen Schwerter ist ein zu ungleicher Kampf." Nach einer Weile setzte sie hinzu: "Seine Verletzung haben wir unserer Tochter zu verdanken. Mit dem Gänsehals hat alles begonnen."
"Die Marsen waren von vorneherein auf Streit aus."
"Es war klug, dem Kampf auszuweichen."
"Nicht klug, sondern schimpflich. Ein Leben ohne Ehre ergibt keinen Sinn."
"Was zählt die Ehre neben dem Leben", entgegnete sie. Aber von diesem erwartete sie nicht mehr viel. Der Hof und ihr Besitz waren verloren und Gorm musste auf einem fremden Hof dienen. Dem Leben in Hornbach sah sie ohne viel Freude entgegen. Folcard war ein schwieriger Mann und für seine Strenge bekannt. Sie seufzte und kehrte in das Haus zurück, um die Vorbereitungen für die Abreise zu treffen. Viel Zeit blieb ihr nicht, denn die Waldbauern drängten zum Aufbruch. Rasch packte sie das Nötigste, verabschiedete sich von Gorm, Alewild und ihren Söhnen und verließ zusammen mit den jüngeren Kindern den Berghof.

Auch den Leuten aus Hornbach war die Feststimmung gründlich vergangen und keiner wollte länger als nötig bleiben. Der Weg über die Berge war anstrengend und machte allen zu schaffen. Hlod, der stark gezecht hatte und dessen alte Beschwerden sich wieder einstellten, konnte nicht lange mithalten. Als er und Berir schon weit zurückgefallen waren und sie sich an einem Ort befanden, an dem der Weg quer über den Hang lief und nicht leicht zu begehen war, hob er die Hand zum Zeichen einer Rast. Erschöpft ließ er sich auf einem Stein nieder. Seine Brust hob und senkte sich und ließ die Luft mit einem scharfen Geräusch in seinen Mund hinein und wieder hinaus fahren. In den Bergen war der Spätsommer fast vergangen. Die herbstlichen Blätter der Bäume entfalteten ihre vielfältige Farbenpracht. In das gelb flammende Laub der Birke mischten sich das Braunrot der Eiche und die in den unterschiedlichsten Rottönen leuchtenden Blätter des Ahorns. Bei den Waldmännern wurden Erinnerungen an den Überfall auf dem Handelsweg wach. Mochten die anderen denken, was sie wollten, für sie war das Schattenwesen Wirklichkeit. Sie hatten es gehört, gespürt und gerochen. Allein der Gedanke daran ließ sie noch immer erschauern. Plötzlich hatten sie es eilig. Hlod hatte sich noch nicht ganz erhoben, als er heftiges Flügelschlagen vernahm. Eine Elster flog mit einem blitzenden Gegenstand im Schnabel über sie hinweg. Sie wurde von zwei Raben verfolgt, die in diesem Augenblick auf sie herabstießen. In dem die Elster verzweifelt um sich schlagend zu ent-kommen suchte, entglitt ihr der Gegenstand. Hlod hob ihn neugierig auf. Es war ein Ring! Die beiden Raben ließen von der Elster ab und fielen nun über ihn her. Mit Schnäbeln und Krallen setzten sie ihm gewaltig zu. Fast wäre es ihnen wieder gelungen, ihm den Fund zu entreißen, wäre nicht Berir zu Hilfe geeilt. Mit einem starken Ast verscheuchte er die Vögel.
"Beinahe hätten sie mir die Augen ausgehackt", knurrte Hlod.
"Die Raben zu verjagen fiel mir nicht schwer", sagte Berir. "Was hast du gefunden?"
"Einen Ring mit einem Büschel Wolfshaare, das sich allerdings nicht entfernen lässt." Hlod rieb ihn am Ärmel, bis ein bläulicher, in Silber gefasster Stein sichtbar wurde. "Schön sieht er aus und trägt sich gut", meinte er, nachdem er ihn aufgesteckt hatte. Er verlieh ihm ein Gefühl der Sicherheit.
"Wir haben ihn zusammen gefunden. Er ist ebenso meiner wie deiner!"
"Der Schmuck und die Waffen der Reiter haben dich bereits zu einem wohlhabenden Mann gemacht."
"Erst wenn einige Zeit verstrichen ist, können wir einen Vorteil daraus ziehen."
"Wir werden den Ring abwechselnd tragen", lenkte Hlod ein. Er traute dem Freund nicht mehr. Seit der Begegnung mit dem Schattenwesen hatte er sich verändert.
Während sie den Weg fortsetzten und an ein angenehmes Leben dachten, zogen dunkle Wolken auf. Nicht lange danach peitschte der Wind Regen über die Berge. Die Nacht brach schnell herein. Hlod, der den Ring trug, ging unbeirrt voraus. Als ob er jeden Baum und jeden Stein kannte, fand er trotz der schlechten Sicht sicher den richtigen Weg. Keiner von beiden achtete auf die Raben, die ihnen in einigem Abstand folgten.  

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  1. Alewild und Alswinn

Noch lange stritt man im Dorf über das Für und Wider eines Kampfes mit den Marsen. Die einen meinten, Ehre und Gastrecht hätten ihn geboten, andere, Heremon sei es nicht wert gewesen, aber keiner dachte daran, wie klug es gewesen war, ihn zu vermeiden. Nur in einem waren sie sich einig, dass der schlimme Ausgang des Fests Alewild zuzuschreiben war. Das Würfelspiel erregte die Gemüter weniger. Das Wetten um hohe Einsätze war nicht ungewöhnlich und einige freuten sich sogar über Gorms Niederlage, denn sie hatten ihn um Ansehen und Besitz geneidet.
Aber die drängende Arbeit ließ ihnen wenig Zeit, sich mit dem Erntefest und seinem Ende zu beschäftigen. Rasch kehrte der Alltag wieder ein, lange, arbeitsreiche Tage, voller Mühen und Plagen. Garulf hatte sich an diesem Tag früh vom Lager erhoben und bereits mit Tagesanbruch das Haus verlassen. Das schwere Tragholz mit den beiden Holzeimern über den Schultern stapfte er zu der Weide, auf der die Kühe seines Vaters standen. Für ihn war es ein Tag wie jeder andere, doch sollten sich in seinem Verlauf Dinge ereignen, die den Talbewohnern großes Ungemach bereiten würden. Am Weidezaun zog er den dreibeinigen Melkschemel aus dem Gebüsch und rief die Kühe beim Namen. Diese hoben den Kopf, äugten träge zu ihm herüber und muhten. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu ihnen zu gehen. Er setzte sich auf den Schemel, stellte den Holzeimer unter das Euter und begann zu melken. Das Gefäß war gut halbvoll, als sich die Kuh seitwärts bewegte und ihn mitsamt dem Melkschemel umwarf. Dann kippte auch noch der Eimer um, und die Milch ergoss sich in einem Schwall über ihn. Die Kuh blieb stehen, glotzte ihn blöde an und schlug ihm den Schwanz mehrmals in das Gesicht. Er rappelte sich auf und trat ihr wütend gegen das Bein. Während er vornüber gebeugt stand und sich mit einem Grasbüschel Hände und Gesicht säuberte, kam eine zweite Kuh und drückte mit den Kinnladen auf seine Schulter, um zu sehen, ob sie aufsteigen könnte. Dann ging sie vorn hoch, stellte sich auf die Hinterbeine und versuchte, auf seinen Rücken zu klettern. Zornesröte schoss ihm ins Gesicht. Mit dem Melken war es vorbei, die Kuh musste zum Bullen. Er wand ihr einen Strick um das Maul und zog das Ende durch eine Schleife, die er hinter ihren Hörnern fest gebunden hatte. Dann trieb er sie den Hang hinauf. Mitten auf dem Dorfplatz blieb sie ohne ersichtli-chen Grund stehen. Er schrie sie an und zerrte an dem Strick. Aber anstatt sich vorwärts zu bewegen, begann sie laut zu brüllen. Der im Stall stehende Bulle wurde unruhig und polterte gegen die Holzwände. Der Lärm und das Geschrei trieben die Menschen aus den Häusern. Als sie die Milch auf seinen Kleidern sahen, wussten sie, was geschehen war. Garulf fluchte und zog mit aller Gewalt an der Kuh. Aber sie rührte sich nicht vom Fleck. Als sie sich erneut anschickte, ihn zu besteigen, brachen die Zuschauer in helles Gelächter aus. Garulf wurde wild. Er brüllte die Kuh an, riss an ihrem Maul herum und trat sie mit den Füßen. Zwischendurch schlug er nach den Kindern, die ihn auslachten, aber auch anfeuerten. Erst als er ihr den Schwanz verdrehte und sich mit aller Kraft gegen ihr Hinterteil stemmte, lief sie, als ob nichts gewesen wäre, weiter.

Am Nachmittag machte er sich auf den Weg zu dem Berghof, um mit dem Pferdegorm Einzelheiten über den Brautlauf zu besprechen. Er hatte sich schon lange mit dem Gedanken getragen, einen eigenen Hausstand zu gründen und seine Wahl war auf Alewild gefallen. Ihre Eltern hatten sich seinem Wunsch nicht verschlossen und die Heirat für dieses Jahr festgesetzt. Obwohl er sie von Kind auf kannte und sie ihm stets freundlich begegnet war, war er sich nicht sicher, wie sie zu ihm stand. Seinen Annäherungsversuchen war sie lachend ausgewichen und hatte gemeint, er solle nicht so drängen. Sie sei noch jung und wolle sich noch nicht binden. Aber was er sich in den Kopf gesetzt hatte, ließ er sich nicht ausreden. Er war, wie alle seine Vorfahren, in dem Thulbatal geboren und genauso eigensinnig und stur wie sie.

Sein rundes Gesicht zog sich in die Länge, als er den Berghof verlassen fand. Nur einer der Knechte machte sich am Feuer zu schaffen. Auf seine Frage nach dem Pferdegorm deutete dieser zu den Bollweiden und meinte, sie seien dabei, die Pferde zusammen zu treiben.
Schon von weitem sah er sie. Sie standen nicht wie sonst zusammen, sondern hatten einen Kreis gebildet und ihre Köpfe zusammen gesteckt. Erst als er über ihre Schultern sah, bemerkte er das Fell und die aufgebrochenen Knochen. In diesem Augenblick hörte er Alewild sagen: "Man sollte ihnen den Hals umdrehen." Dabei vollführte sie eine Bewegung, als würde sie ein Stück Wäsche auswringen. Sowie sie ihn erblickte, verschwanden die Falten auf ihrer Stirn, und sie winkte ihm zu. Als sie die Flecken auf seinem Hemd und der Hose sah, begann sie zu kichern und rief mit heller Stimme: "Er kommt wieder vom Melken." Er überhörte ihre Bemerkung und erkundigte sich, was geschehen war.
Gorm deutete mit seinem knotigen Stock auf die Reste eines Pferdes und antwortete: "Wir wissen es selbst nicht."
Garulf machte einen langen Hals und beugte sich vor, um den Boden genauer zu untersuchen. Er sah eine Reihe von Abdrücken, fünf gekrümmte Zehen und einen unförmigen Ballen, etwas größer wie der Fuß eines Menschen.
"Es war der Scheckige, eines unserer besten Pferde", hörte er Viggi sagen.
"In Stücke gerissen und roh verschlungen haben sie ihn und nur die Knochen übrig gelassen", knurrte Gorm und schlug mit dem Stock wütend auf den Boden.
"Es müssen wilde Tiere gewesen sein", vermutete einer seiner Söhne. "Vielleicht Herr Breitweg aus den Bergen?"
"Wen meinst du?", fragte Garulf.
"Die Schritterweiterer, die blauzahnigen Bären."
"Das sind Pflanzenfresser."
"Wenn sie hungrig aus dem Winterschlaf erwachen, gehen sie in ihrer Not auch an Tiere."
"Nur, wenn diese eingesperrt sind und nicht flüchten können. Sie sind zu behäbig, die flinken Rosse einzuholen", belehrte Gorm ihn. "Außerdem ist jetzt Sommer, und Beeren und Blätter gibt es reichlich."
Alewild sah ihren Vater fragend an. "Kann es nicht der scharfäugige Luchs gewesen sein?"
"Du und deine Einfälle!" Gorm schüttelte den Kopf und deutete auf die Spuren im Boden: "Es waren viele. Luchse sind Einzelgänger und beschleichen ihre Beute nicht in Rudeln. Ihr Trittsiegel besteht aus vier Zehen, und die Krallen sind eingezogen."
"Sie sind wendig und stark und haben schon so manches Kalb gerissen", unterstützte Garulf Gorms Tochter. Sie warf ihm einen dankbaren Blick zu.
"Die Abdrücke stammen von zwei aufrecht gehenden Beinen und nicht von den Pranken einer Raubkatze", stellte Gorm mit Nachdruck fest.
"Vielleicht war es jemand von der anderen Seite?" Viggi warf einen ängstlichen Blick zu dem Dunkelwald hinüber.
Die Männer sahen sich vielsagend an.
"Alswinn, mein Pferd, mein liebes Pferd!", rief Alewild in diesem Augenblick. "Ich sehe es nicht bei den anderen."
Die Männer suchten die ganze Weide ab und kamen schließlich zu einem Ort, an dem das Gras stark niedergetreten war. Auf dem Boden fanden sie die gleichen Spuren wie zuvor und zusätzlich die eines Pferdes. Sie folgten ihnen bis zum Fluss. Am Ufer machten sie Halt.
"Du hast recht, Viggi", schnaufte Gorm, den das lange Gehen angestrengt hatte. "Die Fährte führt über die Thulba. Wir müssen die Suche abbrechen."
"Warum gehen wir nicht weiter?", begehrte Alewild zu wissen.
"Wie dir bekannt sein sollte, bildet die Thulba die Grenze im Tal, die niemand überschreiten darf", sagte ihr Vater und sah sie streng an.
Sie sah über den Fluss. Stumm und reglos standen die hohen Bäume und verwehrten mit ihren tief hängenden Zweigen jeden Einblick. Zu gerne hätte sie gewusst, was sich hinter ihnen verbarg. Trotzig sagte sie: "Ich kenne das Verbot, nicht aber seinen Grund."
"Geister sollen in dem Wald hausen", flüsterte Viggi hinter vorgehaltener Hand. "Sie schneiden dir den Bauch auf und füllen ihn mit Moos und Blättern. Sie rauben auch kleine Kinder. Man hat die Geraubten schon grüngekleidet in ihrer Gesellschaft gesehen."
"Sie zürnen erst", widersprach Alewild, "wenn man das Haus, den Baum oder Strauch, in dem sie wohnen, ohne Grund zerstört."
"Die in dem Dunkelwald sind anders. Sie sind bösartig und dem Menschen feindlich gesonnen", sagte Gorm. Auch er hatte seine Stimme gesenkt, als fürchte er jemand auf der anderen Seite. "Betritt er ihren Wald, fallen sie über ihn her. Ein Entkommen gibt es nicht. Es heißt, einst wurde ein Waldarbeiter von seiner undankbaren Frau bei einem Unwetter in den Dunkelwald geschickt, um Holz zu schlagen. Obwohl er von einem Blitz getroffen wurde, schlug er als verkohlte Leiche das Holz weiter. Aber anstatt es nach Hause zu bringen, schlug er seiner Frau den Schädel ein und kehrte in den Wald zurück. Ich kenne deinen Übermut, Alewild, aber hüte dich, ihm zu begegnen, denn er wartet auf eine Frau, die ihm die Asche vom Körper wäscht, damit er wieder zu den Lebenden zurückkehren kann." Gorm räusperte sich und sah seine Tochter mit hochgezogenen Brauen an. "Wir sind froh, wenn sie sich ruhig verhalten. Reizt man sie, kommen sie herüber. Deswegen soll niemand auf die andere Seite gehen, und du Alewild, hältst dich auch an das Verbot", beendete er das Gespräch mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Er wies die Knechte an, die Reste des Pferdes von der Weide zu schaffen, und kehrte zu den Bollweiden zurück, um mit dem Einfangen der Pferde fortzufahren. Er wollte vor Einbruch der Dunkelheit die Arbeit erledigt haben.

Garulf und Alewild blieben allein am Fluss zurück. Sie schaute sehnsüchtig hinüber. Wie geheimnisvoll der Wald war, so verlockend, doch irgendwie beängstigend. Sie trat dicht an das Ufer. Noch klangen Gorms mahnende Worte in ihren Ohren. Die Grenze bestehe seit unvordenklichen Zeiten und müsse wie ein Gesetz beachtet werden. Der Fluss trenne die Welt der Menschen von der der Geister. Furchtbar wäre ihr Zorn, würden sie gereizt. Unschlüssig trat sie von einem Bein auf das andere. Auch Unn hatte von einer Gefahr gesprochen. Vielleicht war etwas in diesem Wald, das man besser in Ruhe ließ. Womöglich setzte sie etwas in Gang, das sich später nicht mehr aufhalten ließ. In ihr kämpften Erregung und Furcht. Lebte Alswinn noch und würde sie das Ross finden? Immer wieder sah sie zu dem Wald hinüber. Auf unerklärliche Weise zog er sie an. Welches Geheimnis hütete er? Neugier und ungestümer Tatendrang rangen mit Verbot und Gesetz und gewannen schließlich die Oberhand. Sie setzte einen Fuß in das Wasser, und als nichts geschah, den anderen. Durch diesen Versuch ermutigt, wagte sie zwei, drei weitere Schritte. Als sie bis zur Hüfte im Wasser stand, drehte sie sich um: "Traust du dich auch?"
"Mit Mut hat das nichts zu tun. Wir verstoßen gegen das Gesetz."
"Dessen Grund niemand kennt!"
"Die Geister verwirren dir schon jetzt die Sinne!"
"Es ist helllichter Tag! Ich glaube nicht, dass sie Pferdefleisch essen. Ich möchte wissen, von wem die Spuren stammen und wohin sie führen."
"Deine Neugier wird dir zum Verhängnis. Denk an den Holzfäller. Fängt er dich, musst du ihn heiraten."
"Alswinn ist in dem Wald." Als er schwieg, fügte sie leise hinzu: "Wir gehören zusammen und nie werde ich mich von ihm trennen."
"Bleib hier Alewild! Es wird bald dunkel."
"Wenn du nicht mitkommst, gehe ich allein", sagte sie trotzig und warf ihm einen funkelnden Blick zu.
"Es wird nichts Gutes dabei herauskommen, aber ich werde dich begleiten", brummte er und fügte sich.

Sich an den Händen haltend wateten sie durch das Wasser. Die Oberfläche war glatt und glänzte silbrig in dem schräg einfallenden Licht der Sonne. Bis auf einige Libellen, die lautlos an ihnen vorbeihuschten, und treibende Ahornblätter, die der Wind in das Wasser geweht hatte, blieb alles ruhig. Der Fluss war klar bis zum Grund, auf dem sich die Fußspuren als leicht verwischte, helle Flecken abzeichneten. Sie führten zu dem gegenüberliegenden Ufer und von dort zum Dunkelwald. Ein Wind kam auf und führte dunkle Wolken heran. Über dem Wald zogen sie sich zusammen und warfen dunkle Schatten über die Bäume. Ein Rauschen lief durch ihre Wipfel. Es begann an dem Saum und pflanzte sich in das Innere fort. Die mächtigen Stämme knarrten und wogten. Ihre Äste winkten den Ankömmlingen und schienen sich über ihr Kommen zu freuen.

Die Spuren liefen zunächst am Waldrand entlang, bis sie unvermittelt in eine Waldschneise einbogen, die sich in ferner Dunkelheit verlor. Hohe Bäume säumten den Weg zu beiden Seiten. Deren Äste reichten bis zum Boden und bildeten mit den aufragenden Wurzeln ein undurchdringliches Geflecht. Alewild nickte Garulf zu und wollte schon gehen, als er sie am Arm packte. "Baumgeister!", rief er und deutete auf einen alten Eichenbaum, dessen Stamm sonderbare Auswüchse aufwies. Von den knorrigen Ästen hingen baumlange Flechten herab und schwankten leicht im Wind. "Die Wülste und darunter die Höhlung im Stamm sehen wie das Gesicht eines Trolls aus. Deutlich kann man seine großen Augen, den Mund und die Knollennase erkennen", stieß er aus.
"Das, was du siehst, ist ein Misswuchs und kein Baumgeist."
"Man kann sie nur schwer von den Bäumen unterscheiden. Manche sind von Kopf bis Fuß grün, ihr graues Haupthaar hängt voller Baumbart und ihr Wams besteht aus Baumrinde."
"Es ist nur eine krumme, verwachsene Eiche mit Höckern und zerfurchter Borke."
"Rau, moosbewachsen und gleichsam zottig ist ihre Kleidung, das Haar lang und aufgelöst und ihr Rücken hohl und morsch."
"Oder sie sind fast unbekleidet und wie Tiere am ganzen Körper behaart." Sie lachte, fasste ihn bei der Hand und zog ihn mit sich fort. Nach und nach wich das Tageslicht einem dämmerigen Halbdunkel. Eine unnatürliche Stille umfing sie. Der Waldboden verschluckte jedes Geräusch. Nur hoch über ihnen rauschten leise die Baumwipfel. Abgeschnitten von dem hellen, freundlichen Draußen gerieten sie in eine Welt, die völlig andersartig von der der Menschen war. Je weiter sie vordrangen, desto düsterer und unheimlicher wurde der Wald. Die Stämme der Bäume reckten sich zu gewaltiger Größe empor, drängten sich dichter zusammen und streckten ihre Wurzeln weit über den Boden aus. Auf einmal hörten sie merkwürdige Laute: Flügelschlagen, hohle Stimmen und das Knacken von Ästen. "Geheuer ist es hier nicht", sagte Alewild leise und begann ein Lied zu summen. Als Garulf die Hand hob, brach sie schlagartig ab. Sie blieben stehen, lauschten, vernahmen aber kein weiteres Geräusch. Von nun an gingen sie dicht nebeneinander. Plötzlich stolperte Alewild über einen Stein. Als sie ihn näher betrachtete, fiel ihr seine glatte Oberfläche auf. "Lass ihn liegen!", zischte Garulf scharf, aber mit gedämpfter Stimme. "Er wurde behauen", rief sie überrascht. Er kniete sich nieder, um besser sehen zu können, und erkannte in dem schwachen Licht ein in den Stein geschlagenes Schwert und darunter zwei ineinander greifende Hände. "Was bedeutet das?", flüsterte sie. "Ich weiß es nicht. Vielleicht ein Zeichen der Waldgeister?" "Wir gehen zurück!", entschied sie.

Sie kam nicht weit. Wie in ihrem Traum wurden die Bäume lebendig und stellten sich ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen. Sie machten kehrt und rannten zurück. Doch die Bäume folgten ihnen und trieben sie tiefer in den Wald, wo sie sich hoffnungslos verirrten. Vor einem dichten, verwachsenen Unterholz hielten sie an. Gehetzt sahen sie sich um. In der Düsternis war kaum etwas zu erkennen. Die Luft drückte schwer und stickig. Die Berührung von etwas Nassem, Klebrigem ließ Alewild zusammen fahren. "Eine Spinnwebe", stieß sie aus, als sie mit der Hand über ihr Gesicht fuhr. "Still!", rief er schrill, denn er hatte wieder etwas gehört. Diesmal kam es von ganz nah. Aber es war nur ein Zweig, auf den sie getreten war. Kurze Zeit später hob sie den Kopf. Neben ihr hatte sich etwas bewegt. Sie wagte nicht, sich zu rühren, und starrte mit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit. "Du wirst doch jetzt keine Angst haben", flüsterte er. Sie schüttelte unmerklich den Kopf, drängte sich aber dichter an ihn. "Ich glaube, da ist etwas", wisperte sie. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie huschende Bewegungen. Beide hielten den Atem an und versuchten, in der Finsternis etwas auszumachen. Sie ahnten die leisen Tritte mehr, als dass sie sie auf dem weichen Boden hörten. Aus allen Richtungen näherte sich das Tappen zahlloser Füße. Lichter flammten auf und erloschen wieder. Ein übler Geruch drang ihnen in die Nase. Ringsherum hörte man Stimmengeflüster, das sich nach und nach zu einem Knurren steigerte.

"Mir nach", schrie Garulf und tat einen gewaltigen Satz. Äste schlugen ihm ins Gesicht. Er spürte, wie er gehalten wurde. Mit den Fäusten schlug er wild um sich, traf auf Widerstand und hörte einen Schrei. An der Schulter spürte er einen Schlag, dann den Griff mehrerer Hände. Sie packten ihn und wollten ihn zu Boden reißen. Er wandte und drehte sich und kam frei. Die Hände schützend vor das Gesicht haltend, brach er durch das Gehölz. Er wusste nicht, ob er geschlagen wurde oder gegen herabhängende Zweige stieß, ob ihn jemand fasste oder er in dem Unterholz hängen blieb. Er wurde nur von einem einzigen Gedanken getrieben: Fort, weg von diesem Ort, hinaus aus diesem fürchterlichen Wald. In seinem Nacken spürte er Alewilds keuchenden Atem.

Hinter ihnen brach ein Wutgeheul aus. Überall im Wald waren nun Schritte und brechende Zweige zu hören. Bäume rauschten, Äste knackten und Gebrüll erklang. Der Wald war erwacht! Ohne sich umzusehen, stürmte Garulf weiter. Auf die Richtung achtete er schon lange nicht mehr. Alewilds Haar verfing sich in den klebrigen Zweigen einer Tanne. Ohne Rücksicht auf die Schmerzen riss sie sich los, brach aber nach wenigen Schritten zusammen. Er schrie sie an: "Vorwärts, vorwärts! Wir müssen weiter!" Sie blieb liegen, das Gesicht fest auf den Boden gepresst, unfähig, sich zu bewegen. Als sie die näherkommenden Schritte der Verfolger hörte, hielt sie sich die Ohren zu und wünschte sich, tief in der Erde zu versinken. "Dort wird es heller!" Wie aus der Ferne drangen seine Worte zu ihr. "Steh auf, sonst greifen sie uns!" Sie biss die Zähne zusammen, ergriff seine Hand und kam hoch. Kurz darauf erreichten sie eine Lichtung.

Doch ihre Hoffnung verflog ebenso schnell, wie sie gekommen war. Durch die Bäume schimmerten in einer Entfernung von einigen Steinwürfen die Umrisse eines Zeltlagers, in dessen Gassen dunkelhaarige, krummbeinige Gestalten wimmelten. Eine von ihnen blieb stehen, deutete mit der krallenartigen Hand auf sie und stieß grunzende Laute aus. Sie waren entdeckt! Schon tauchten die Verfolger in ihrem Rücken auf. Als sie sie sahen, stießen sie ein Freudengeheul aus, das von denen aus dem Lager erwidert wurde. Garulf und Alewild rannten um ihr Leben. Ihre Füße flogen dahin und berührten kaum den Boden. Hinter der Lichtung bogen sie in einen Weg ein. Freudiges Wiehern begrüßte sie. Alswinn, das allkluge Ross, sah ihnen entgegen. Man hatte es mit einem Strick an einen Baum angebunden. Alewild lief geradewegs auf ihr Pferd zu. Ihr entging, wie sich in dem Baumschatten ein Krieger aufrichtete, das durch Narben entstellte Gesicht hämisch verzog und das Schwert hob. Da bäumte sich der Rappschimmel auf und stampfte ihn mit den Hufen nieder. Alewild presste sie sich eng an ihr Pferd und murmelte in einem fort seinen Namen. Aber schon bogen die Verfolger um die Ecke. Garulf löste den Strick, saß auf und zog Alewild zu sich herauf. In gewaltigen Sätzen stürmte das Ross davon.

Bereits nach kurzer Zeit verließ es den Weg und tauchte in das Waldesdickicht ein. Wieder schlugen ihnen Zweige ins Gesicht und wieder hörten sie das Brechen und Splittern der Äste. Das Rauschen in den Wipfeln klang wild und zornig. Aber das Pferd brachte sie wohlbehalten durch das Gehölz und hielt erst an, als sie das Thulbatal erreicht und den Fluss überquert hatten. Sie sprangen ab und ließen sich in das Gras fallen. Während Garulf scharf zu dem Wald hinüberschaute, verbarg Alewild den Kopf zwischen den Knien und legte die Arme schützend darüber. Sie bebte am ganzen Körper. Noch immer spürte sie die peitschenden Zweige und das Zerren an den Haaren. Alswinn stand mit zitternden Flanken neben ihr. Das Ross hatte die Ohren wachsam aufgestellt.
Als sie etwas zur Ruhe gekommen war, erhob sie sich und tätschelte dankbar den Hals ihres Pferdes. "Es ist verletzt!", rief sie plötzlich. "Auf der Brust und den Schultern sehe ich Blut."
"Deine Arme und Beine sehen nicht viel besser aus."
"In diesem Zustand dürfen wir nicht in das Dorf zurück. Man wird uns fragen, wo wir gewesen sind."
"Sie sollen es sogar erfahren. Was bisher keiner geschafft hat, ist uns gelungen: Wir kehrten lebend aus diesem schrecklichen Wald zurück. Gorm wird die Muttat loben und stolz auf dich sein." Nach einem Blick auf ihr Äußeres fügte er hinzu: "Jedenfalls, wenn du dich hergerichtet hast."
"Das werde ich bei Unn besorgen. An den Fluss gehe ich nicht mehr."
Er zögerte. "Im Dorf spricht man nicht gut von ihr."
"Ich kenne sie. Sie redet manchmal wunderliches Zeug, versteht sich aber auf die Heilkunde."
"Ihre Hütte steht am Ende des Tals in einer Gegend, die nicht ganz geheuer ist."
"Sei unbesorgt. Ich finde den Weg durch das Moor. Oft genug bin ich ihn gegangen."
"Der Platz bei dem Ahorn ist ein unglückseliger Ort. Man sagt, dort beginne das Reich der Geister."
"Sie werden dir nichts tun."
"Wegen seines dreistämmigen Wuchses nennt man ihn im Dorf Trollholz."
"Jetzt komm", rief sie und stand auf.
Brummend gab er nach, sah sich aber auf dem Weg zu Unns Hütte immer wieder besorgt um.

Während Lynn sie freudig begrüßte, betrachtete die Alte sie mit sorgenvollen Blicken. Der äußere Zustand und Alewilds Augen verrieten ihr, dass sich etwas Schreckliches ereignet haben musste. Das Unheil kommt schneller als erwartet, dachte sie. Der Nachtmar hatte sie gewarnt und der Rabe es angekündigt. Schweigend wusch sie die Wunden der beiden aus und bestrich sie mit einer Heilsalbe aus Wollwachs, Ringelblumenblüten und Blutwurz. Nachdem sie einen beruhigenden Tee aus Lindenblüten aufgebrüht und ihnen zu trinken gegeben hatte, kümmerte sie sich um Alswinn. Die zahlreichen Verletzungen waren keine Schnittwunden, sie stammten von Krallen und scharfen Klauen. Sie reinigte sie mit dem Sud von Eichenrinde und salbte sie anschließend ebenfalls ein.
Nachdem sie in die Stube zurückgekehrt war, begann Alewild von ihrem Abenteuer zu erzählen. Mit zu¬nehmender Rede erholte sie sich und schilderte bald gestenreich die wilde Jagd durch den Wald. Auf allen Vieren führte sie vor, wie sie durch das Unterholz gekrochen war, und verzog das Gesicht auf das Fürchterlichste, um Lynn eine Vorstellung von dem Aussehen der Verfolger zu geben. Als sie bei Alswinns Befreiung und der glücklichen Flucht angelangt war, sprühten ihre Augen bereits vor Begeisterung.
Lynn seufzte: "Ich hätte mich nicht in diesen Wald getraut."
Garulf räusperte sich: "Für junge Frauen ist er besonders gefährlich, denn ein Toter möchte sie zur Heirat zwingen, um auf diese Weise wieder zu den Lebenden zurückzukehren."
"Sei still! Wer weiß, ob diese Geschichte wahr ist. Ich glaube, sie soll die Menschen von dem Dunkelwald abhalten", hieß die Alte ihn schweigen. Dann schlurfte sie, den Kopf gesenkt, in der Hütte auf und ab, bis sie sich am Feuer niederließ. Wie sie so dasaß, klein, alt, zusammengefallen und die mageren Hände drehend und wendend, sah man ihre ganze Not. "Die Raben kamen doch aus dem Wald", murmelte sie. Dann senkte sie den Kopf und starrte lange in die Glut des Feuers. In den Tiefen des Waldes sah sie es sich regen und beleben. Drohungen und Verwünschungen ausstoßend stürmten sie heran. Erschrocken griff sie sich an den Hals. Alewild und Lynn blickten besorgt zu ihr hinüber.
"Etwas Böses ist in dem Wald", raunte die Alte. "Die Raben saßen auf dem toten Baum. Es riecht nach Not und Tod."
Garulf machte eine wegwerfende Handbewegung. "Was soll das Gerede von Raben und Tod. Du siehst uns wohlauf. Die Waldgeister konnten uns nichts anhaben."
Was Lynn noch nie gesehen hatte, geschah jetzt. Unn setzte die Katzenfellmütze ab und fuhr sich mehrmals erregt mit der Hand über den kahlen Schädel: "Nicht den Geistern seid ihr begegnet."
"Wer soll sonst in dem Wald gewesen sein?"
"Habt ihr die Verfolger gesehen?"
"Im Wald war es dunkel, und alles ging sehr rasch."
"Die Bäume verwandelten sich in lebendige Wesen, wie Gorm es gesagt hat!", antwortete Alewild.
"Ihr glaubt, es wären Geister gewesen? Meint ihr, diese hinterlassen Fußabdrücke im Boden und stehlen Pferde?"
Garulf schwieg. An den aufgeworfenen Falten seiner Stirn konnte man sehen, wie es in seinem Bauernschädel arbeitete. Er hatte Hände gespürt, die ihn festhalten wollten, und Widerstand, als er mit der Faust zugeschlagen hatte.
"Es waren Wesen aus Fleisch und Blut." Unn war so aufgebracht, dass ihr Kopf auf dem dürren Hals bedrohlich schwankte. "Schon einmal hatte sie der Wald ausgespien. Wolfsgeheul kündigte sie an; schwarze Raben flatterten ihnen voraus."
"Wie bei der Schattengestalt", stieß Alewild aus und presste die Hand erschrocken vor den Mund.
"Dass Raben Unglück bringen ist jedem bekannt", tönte Garulf.
"Ich weiß nur wenig von dieser Zeit, denn sie liegt weit zurück", fuhr Unn fort. "Niemand wusste woher sie kamen. Wie aus dem Nichts tauchten sie auf. Sie plünderten und brandschatzten und brachten Tod und Zerstörung über unser Land. Die Dörfer wurden leer, und auf den Bauernhöfen erstarb das Leben. Erst nach hartem Kampf konnten sie vor den Toren Veens auf der Roten Heide besiegt werden. Seit jener Zeit ist die Thulba die Grenze und darf von keiner Seite überschritten werden. Darüber wurden heilige Eide geschworen. Zur Bekräftigung ritzte man ein Kampfschwert und darunter zwei ineinandergreifende Schwurhände in einen Stein und stellte ihn an der Grenze auf."
"Das ist wieder eine deiner Geschichten, für die du im Tal bekannt bist." Garulf dachte an das Hagelkochen und fand bestätigt, was die Leute der Moorwurzel nachsagten.
"Einen solchen Stein haben wir im Wald gefunden", meldete Alewild aufgeregt. "Er lag umgestürzt auf dem Boden."
"Sie haben ihn fortgeschleppt und entweiht", schimpfte die Alte und ballte die kleine Hand zur Faust. Dann wandte sie sich an Garulf. "Nichts hast du begriffen, Strohkopf. Du warst schon immer dumm und bist dir darin treu geblieben. Der Friede ist verletzt, der heilige Eid gebrochen. Lange Zeit hat der Wald geschwiegen, nun ist er lebendig geworden."
"Das höre ich mir nicht länger an", brummte dieser.
"Beschränkt wie die Bauern im Tal bist du. Ein Wald voller Geister ist alles, was ihr euch vorstellen könnt. Ihr meint, Baumgeister und Waldfrauen treiben jenseits des Flusses ihr unheilvolles Spiel. Das ist einfältig und hält von dem Wald ab. Euch kümmert weder, was jenseits der Thulba ist, noch was früher war. Das Alltägliche, das Vieh und die Ernte sind euch wichtiger als die Vergangenheit."
"Das lange Alleinsein hat dir den Verstand verwirrt. Eine üble Zeichendeuterin sollst du sein, erzählt man sich im Dorf", entgegnete Garulf, verstummte aber, als er die ernsten Mienen der anderen sah.
"Es liegt etwas in der Luft. Ich spüre es bis auf die letzten Knochen. Die Vorzeichen verheißen wenig Gutes", sagte Unn mehr zu sich selbst als zu den anderen.
"Du sprichst nur Vermutungen aus und weißt selbst nichts Genaues", warf er ihr vor.
Lynn fielen die Vögel ein, die sie gesehen hatte: "Ist es wichtig, in welche Richtung die Raben vom Ahorn aus flogen?"
Unns Augenbrauen zogen sich zusammen.
"Ich vergaß es zu erwähnen. Sie flatterten in Richtung Wolfsschlund."
Die Alte erschrak zutiefst. Es hieß, dass sich der Felsen seit Urzeiten an dieser Stelle befand. Ein Riese sollte ihn verloren haben, als er den Schuh auszog und dabei ein Sandkorn zu Boden fiel. Wegen dieses Ursprungs mieden nicht nur Menschen, sondern auch Tiere und sogar die Vögel seine Nähe. Wenn man sich ihm nur näherte, wurde man ängstlich und wusste selbst nicht warum. Sie erhob sich, schlurfte zu ihrem Beutel in der Stubenecke und suchte den silbernen Hammer. Das kalte Metall wirkte beruhigend, als sie es in den Händen hielt. Dann winkte sie Alewild und Garulf zu sich heran. "Ihr wisst, was ihr angerichtet habt?"
"Der Waldgang wird uns Ruhm einbringen", brüstete sich der Bauernsohn.
"Indem ihr den Fluss überquertet, habt ihr die alte Abmachung verletzt und den geschworenen Eid gebrochen. Wer sich auch immer in dem Wald befindet, braucht sich an den Schwur nicht mehr zu halten. Die Grenze galt für beide Teile."
Statt einer Antwort wölbte Garulf die Brust heraus. Für ihn gab es nichts mehr zu sagen.
"Sie haben die Thulba zuerst überschritten, als sie das Pferd auf der Bollweide rissen", versuchte sich Alewild zu rechtfertigen.
"Sie werden sich rächen, denn ihr habt nicht nur sie und ihren Lagerplatz gefunden, sondern ihnen auch die Beute entrissen. So wie es aussieht, wollten sie nicht entdeckt werden."
"Wir holten nur das, was uns gehört", erklärte Garulf knapp.
"Ihr habt sie gereizt und ihren Zorn erweckt. Sie werden euch folgen."
"Dann sind sie in Gefahr!", stieß Lynn erschrocken aus.
Unn nickte. "In den Bauernhäusern suchen sie zuerst."
Alewild musste an ihren Traum denken. Sie sah die Baumriesen über den Fluss kommen und schrie auf.
"Bei uns bist du sicher", beruhigte Lynn sie. "Niemand wird sich durch das unwegsame Moor wagen." Mit diesen Worten verließ sie die Stube. Kurz darauf ertönte ein spitzer Aufschrei. "Der Ahorn!"
Die Alte war überraschend schnell an der Tür und spähte zu dem Baum. Trotz ihrer schwachen Augen sah sie die Raben. Scharenweise hatten sie in dem Geäst Platz genommen. Sie krächzten und schlugen wild mit den Flügeln. Plötzlich erhoben sich alle gleichzeitig und flatterten in einer dunklen Wolke talabwärts.
"Schnell Lynn!", schrie die Alte, "Endel ist in Gefahr! Lauf und warne die Bauern."

  • Kritik ist ausdrücklich erwünscht -
Donnerstag, 12. November 2015

Im Licht - Finsternis, Teil 17

  1. September 1893
    Nun werde ich den Mut haben, ihr meine ganze Geschichte zu erzählen. Sie wird es verstehen und wissen, dass niemand verantwortlich gemacht werden kann. Am allerwenigsten meine Mutter, die als erste ein Vampir wurde. Es war einfach so, dass ihr Herz gestorben war und wer hätte ihr dafür Vorwürfe machen können.
    Ich war auch einmal ein ganz normaler achtjähriger Junge, der die Nach-mittage damit verbrachte auf einem Pony Reitübungen zu vollbringen. Kein Hindernis war mir zu hoch, trotz allen Scheltens seitens meiner Mutter, die mir wiederholt damit drohte, das Tier wegzunehmen, wenn ich nicht aufhörte so waghalsig zu reiten. Wir wuchsen auf wie alle Kinder der Aristokratie – meine ältere Schwester, mein fünfjähriger Bruder und ich.
    Es war Nukas fünfter Geburtstag, als er das langersehnte eigene Pony bekam. In diesen Dingen war Vater immer nachgiebig und so durfte er unter den ängstlichen Augen meiner Mutter vor dem Haus reiten üben.
    Alva, verstehst du? Ich zog ihn an der Hand hinter mir her, aus dem Haus. Er hatte sich umgedreht und unserer Mutter mit lachendem Gesicht zuge-winkt, doch ich zog ihn mit mir fort. Ich wollte nicht, dass er alles vermasselt und unsere Mutter uns zurückhalten würde.
    Es war ein schöner, sonniger Sommertag, an dem die Falken hoch ihre Kreise drehten und mit ihren spitzen Schreien das Tal zum Erklingen brachten. Wir trieben unsere Ponys an, so schnell sie mit ihren kurzen Beinen laufen konnten. Alva, ich erinnere mich an das Gefühl der Freiheit und Aufregung. Ich meinte, mit meinen acht Jahren schon alles zu wissen und zu können. Ich wollte Abenteuer erleben. Mein kleiner Bruder folgte mir, stolzer Besitzer eines eigenen Reittiers, stolz heimlich auszureiten und zugleich ängstlich vor dem Ärger der Eltern, sollten sie herausfinden, dass wir uns vom Haus entfernt hatten. Und dennoch folgte er mir. Er vertraute mir.
    Wir schossen ein Feld entlang, sprangen über einen schmalen Bach und ritten schließlich langsamen Schrittes durch ein Waldstück.
    Ich erinnere mich noch an den würzigen Duft des Grases, als wir Rast machten und nebeneinander im Schatten eines alten Baumes lagen. Ich wünschte, irgendetwas wäre passiert. Irgendein Waldarbeiter auf seinem Fuhrwerk wäre vorbeigekommen, irgendetwas, das uns aufgehalten hätte. Doch alles blieb still und ruhig. Nur die Grillen zirpten und ein Schwarm frecher Spatzen machte das nahe gelegene Dickicht unsicher.
    „Komm, wir müssen wieder heim“, habe ich geseufzt und Nuka stieg ge-horsam auf sein Pony. Die ausgelassene Stimmung von zuvor war verflogen und wir ritten still nebeneinander. Nuka war müde, aber er wollte es sich nicht anmerken lassen. Wir waren in Sichtweite unseres Hauses, als ich rief: „Los, ein Wettrennen!“ und auf meinem Pony davon preschte. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass Nuka mir folgte. warum nur, warum nur, habe ich die Zügel losgelassen, die Arme ausgestreckt: „Ich fliege. Es ist wie fliegen!“
    Niemand hat mir jemals Vorwürfe gemacht. Letztlich weiß auch niemand, wie es genau geschehen ist. Vermutlich wollte Nuka es mir gleich tun – im vollen Galopp mit ausgebreiteten Armen.
    Für mich blieb nur das Entsetzten, als ich Nukas Aufschrei hinter mir hörte, sein Pony in wildem Galopp davon stürmend und dann der kleine Körper so merkwürdig verkrümmt auf dem Boden liegend; meine Mutter, die schreiend aus dem Haus gelaufen kam.
    „Bitte lieber Gott, mach das alles wieder gut“, hatte ich gebetet. „Bitte“, war es aus meinem Mund gekommen, halb Schrei, halb Schluchzen.
    Meinen kleinen Bruder hat es nicht wieder ins Leben zurückgeholt. Und meine Mutter hat am Ende die Trauer nicht mehr ausgehalten. Sie hat den einzigen Weg gewählt, um ihrem Leid zu entkommen – sie ist ein Vampir geworden.
    In der Zwischenzeit erinnere ich mich kaum noch an meinen kleinen Bruder, an sein blondes Haar und das feingeschnittene, fast mädchenhafte Gesicht. Wenn er Angst hatte, hat er immer seine Hand in die meinige gelegt und sehr ernst geschaut, vielleicht um nicht in Tränen auszubrechen. Und abends sind wir oft wach gelegen und haben geflüstert, bis meine Mutter erschien und uns streng ermahnte leise zu sein. Mein Bruder war dann meist sehr schnell eingeschlafen, während ich dem nächtlichen Heulen der Hofhunde auf den entlegenen Bauernhöfen zuhörte.
    Man sagte mir, er wäre immer fröhlich gewesen, mit einem lachenden Gesicht. Alva, kannst du das verstehen?
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